Mutter – ihre mennonitische Vergangenheit

26 Feb

Die Sippe Rabsch

Ich hatte meinen Studenten stets drauf hingewiesen, dass nach Meinung der griechischen und mittelalterlichen Philosophen die kleine Welt des Menschen und seiner Umgebung ein verkleinertes Abbild des Universums sei.[1] Es mag gewagt sein, das zu behaupten, und doch ist jeder Mensch ein Teil des vom Schöpfer kreierten Universums, wie Ulrich E. Hasler ausführt[2]. Diese These enthält den Gedanke, dass sein Leben durchaus sehr wichtig ist[3]. Mit anderen Worten die persönliche Geschichte mag die Geschichte der gesamten Menschheit wiederspiegeln[4]. Denn der Mensch lebt nicht in einem luftleeren Raum[5]. Der Römerbrief hat es sehr treffend formuliert: „… unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. Leben wir, so leben wir dem HERRN; sterben wir, so sterben wir dem HERRN. Darum, wir leben oder sterben, so sind wir des HERRN“ (nach Luther 14:7+8). Die Ich-Welt wird gemäß des Autors des Römerbriefes zur Wir-Welt und umgekehrt. „Keiner lebt sich selber“[6]. Alle, die an Jesus Christus glauben, sind ein für alle Mal an Gott gebunden.[7]

Eines Tages überreichte mir meine Schwester Sina einen kurzen Lebensbericht, den unsere Mutter Katharina Hartfeld, geborene Rabsch, vor ihrem Tod persönlich verfasst hatte. Mit Spannung, begann ich ihn zu lesen und stellte fest, dass ich die Vergangenheit meiner Mutter in Detail gar nie kannte. Mutters Kurzbericht enthält Informationen von ihren mennonitischen Vorfahren, deren Schicksal repräsentativ sein könnte für Tausende ihrer mennonitischen Zeitgenossen[8].

Unsere Mutter Katharina Rabsch erblickte die Welt in den Kulunda-Steppen, der Ort wird von einigen Autoren die mennonitischen Siedlung Gnadenfeld unweit der Halbstadt des Tas-Kuduk Kreises im Umkreis von Pawlodar angegeben. Ihr Geburtsdatum ist der dreißigste September neunzehnhundert und fünf. Im sowjetischen Reisepass meiner Mutter steht jedoch ihr Geburtsort die Stadt Semipalatinsk. Auch der Name ihres Vaters wird fälschlicherweise mit Ignat anstelle von Johann angegeben. Ignat war der Bruder von Johann, demnach Mutters Onkel. Die ersten deutschen Siedlungen im Altai entstanden Ende des 19. Jahrhunderts und es lässt sich nur schwer der Geburtsort meiner Mutter ermitteln.[9]

Ihre Eltern, der Vater Johann (geb. 1872) und die Mutter Maria (geb. Voth, 1879) Rabsch, waren Mitglieder der Mennoniten Gemeinde von Halbstadt, in der Johann F. Kröker Prediger war[10]. Die Familie Rabsch bestand aus den Kindern Maria, Susanne, Katharine, Helene, Gertrud, Elisabeth, Johann und Peter. Unsere Mutter sprach nie in Detail über ihre Brüder Johann und Peter. So viel erfuhren wir nur von ihr, dass einer der Brüder als Teenager verstarb, der andere soll bei der Jagd ums Leben gekommen sein. Susanne muss auch als Kind verstorben sein. Ich durfte außer meiner Mutter Katharine noch die Helene, Gertrud und Elisabeth kennenlernen. Mutter erzählte mir, dass ihre Schwester Maria eine Verabredung mit einem jungen Mann an einem frostigen Abend hatte, sie wäre sehr leicht bekleidet unterwegs gewesen, sodass sie sich arg erkältete, und sie verstarb mit zwanzig an Folgen der Lungenentzündung.

Mein Großvater Johann hatte außer den Bruder Ignat noch eine Schwester Gertrud, geboren am 5. März 1878. Sie heiratete 1897 Heinrich J. Janzen (geb. am 24. November 1874). Da Mutter von einer reichen Tante sprach, die in Omsk mit ihrem Mann lebte, muss ihr Vater mehre Schwestern bzw. Geschwister gehabt haben.

Rechtliche Beschränkungen und Verfolgungen der Mennoniten in Europa führten vor allem zwischen 1715 und 1815 zu ihrer Auswanderung nach Osteuropa und Nordamerika. Trotz der Verfolgungen hat sich die Freikirche jedoch auch durchgehend in Mitteleuropa halten können. Meine Mutter behauptete, dass ihre Vorfahren aus Friesland nach Ostpreußen und von da nach Russland kamen. Mutters Großeltern kamen ursprünglich aus der Siedlung Molotschna, die auf dem Gebiet Saporischschja im Westen des Flusses Molotschna (oder russisch Molotschnaja) 1804 gegründet wurde. Bald jedoch sollen die Mennoniten festgestellt haben, dass es in der Molotschna seit Jahren ein Mangel an günstigen landwirtschaftlichen Nutzflächen gab. Eine wachsende Zahl junger, landloser mennonitischen Familien, zu denen auch die Eltern von Johann gehörten, suchten händeringend nach neuen Kauf- oder Pachtländereien in der näheren und weiteren Umgebung der mennonitischen Stammessiedlung von Molotschna. Einige Mennoniten zogen in die Krim, und, leider, bereits zur Zeit des Krimkrieges, der in den Jahren 1853-56 stattfand. Dieser Krieg war besonders verlustreich. Die meisten Opfer starben vor allem an Hunger, Seuchen und Krankheiten infolge unsachgemäßer Wundbehandlung.  „Während des gesamten Krim-Krieges (1853-1856) waren die Molotschna-Mennoniten zu regelmäßigen Spann- und Sanitätsdiensten für die russischen Truppen auf der Krim eingesetzt gewesen. Infolgedessen hatten die Molotschnaer Mennoniten erstmalig nähere Kenntnis von den besonderen Entwicklungsmöglichkeiten auf der rund 200 km von der Molotschna entfernten Halbinsel Krim erhalten. Als nach dem Ende des Krim-Krieges weite Teile der Halbinsel verwüstet und verlassen waren, entschlossen sich einige landlose Mennoniten-Familien auf der Krim zu siedeln.“[11]

Mutters Vater Johann Rabsch muss wohl 1872 in der Krim (?) zur Welt gekommen sein, weil seine Eltern dort einen landwirtschaftlichen Betrieb hatten. Die Familie war in der örtlichen kirchlichen Mennoniten Gemeinde integriert gewesen. Denn unter den besonderen religiösen Verhältnissen auf der Krim entstanden so etwa ab 1869 die „Krimmer Mennoniten-Brüdergemeinde“ oder die „Evangelische Mennoniten-Brüderschaft“ um Hermann A. Rempel. Beide Gemeinschaften bestanden unabhängig von den kirchlichen und brüderlichen Mennoniten-Gemeinden der Krim-Region[12].

Ende des 19. Jahrhundert verließen die Eltern von Johann Rabsch die Krim. Es gab wohl genügend Gründe dafür, sich nach besseren landwirtschaftlichen Nutzflächen umzuschauen. Um 1900 kamen sie in die Gegend des später gegründeten Deutschen Nationalkreises Halbstadt (auch: Deutscher Nationaler Rayon Halbstadt) an. Dieser deutsche Nationalkreis liegt/lag in der Kulundasteppe in der Altai-Region von Russland, unweit der kleinen Stadt Slawgorod, nahe der Grenze zu Kasachstan[13].

Einer der störenden Faktoren für die Familie Rabsch und einer der Gründe für den Umzug nach Altai war, nämlich für Johanns Eltern, dass sein Vater mit anderen Mennoniten zu Spann- und Sanitätsdiensten für die russischen Truppen auf der Krim eingesetzt wurden. Infolgedessen hatten die Molotschnaer Mennoniten erstmalig nähere Kenntnis von den besonderen Entwicklungsmöglichkeiten auf der rund 200 km von der Molotschna entfernten Halbinsel Krim erhalten. Sie mussten dazu noch fast eine ganze Armee ernähren.

Nicht nur bei den Eltern von Johann Rabsch, sondern auch bei vielen anderen Mennoniten kamen Fragen auf, ob die Krim noch der richtige oder geeignete Ort für sie war[14].

Die antideutsche Stimmung und die schleichende Russifizierung der Deutschen

Die antideutsche Stimmung begann bereits unter dem Zaren Iwan IV (den Schrecklichen). Seine engsten Ge­folgs­leu­te plünderten im Jahre 1578 die deutschen Häuser und Geschäfte. Es mag am Livländischen (Nordischen) Krieg  (1558-1583) gelegen haben. Die Deutschen jedoch mussten den Hass der Russen im vollen Maße auskosten.[15] In dem Ersten Nordischen Krieg nahmen die Russen die Städte Narwa (heute die drittgrößte Stadt der Republik Estland) und Dorpat (Tartu, die zweitgrößte estnische Stadt) ein und die „lutherischen“ Deutschen wurden nach Russland deportiert. Iwan nutzte die Deutschen als Lehrmeister für sein russisches Volk. Denn sie waren Goldschmiede, Mauerer, Schneider, Schuster, Gießer, Schieferdecker, Maler, Brauer unter anderen Berufe. Die Spezialisten bzw. Profis ließ der Zar in seiner Nähe, aber außerhalb von Moskau im Nordosten ansiedeln. Diese Ansiedlung nannte man Nemezkaja Sloboda bzw. „Deutsche Vorstadt“ und sie gehört heute zum Stadtteil Lefotowo. „Das Wort „Deutscher“ (auf Russisch: nemez) stammt im Russischen vom Wort nemoj, was auf Deutsch „stumm“ bedeutet. So wurden im alten Russland alle Ausländer bezeichnet, da sie kein Russisch sprachen. Im Laufe der Geschichte beschränkte sich diese Benennung nur auf die Deutschen.“[16]  In Wikipedia über Nemezkaja Sloboda ist nachzulesen:

Die Bewohner der Sloboda konnten seit deren Gründung nach ihren eigenen Sitten und Gebräuchen leben und ungestört ihren Gottesdienst abhalten. Nach der Hofzählung 1665 gab es in der Deutschen Vorstadt 206 Höfe mit etwa 1.200 Ausländern. Im Jahre 1725 betrug ihre Zahl schon 2.500, aber anteilmäßig machten sie nur 2 % der Gesamtbevölkerung der Stadt aus.

Zur Zeit Peters I. spielte die Sloboda eine große Rolle als Zentrum des modernen Lebensstils. Auch seine erste Geliebte, Anna Mons, fand der Zar hier. Peter Müller, der Eisenhüttenbesitzer, versammelte in seinem Haus die Emissäre des Pietismus und wickelte die Geschäfte mit August Hermann Francke in Halle über sein Kontor ab. Peter I. lernte dort als junger Prinz (seine Schwester Sofia war Regentin) Carsten Brant, einen holländischen Zimmermann, den späteren „Großvater der Russischen Flotte“ kennen. Mit ihm reparierte der spätere Zar ein Boot und träumte von einem Hafen für Russland. Dort lernte er auch den Schweizer François Le Fort kennen, den späteren Admiral der Kriegsflotte. Ebenso begann hier Peters enge Freundschaft mit Alexander Menschikow[17] (russischer Staatsmann und Generalissimus).[18]

        Es ging aber nicht immer alles glatt und eben unter der deutschen Gesellschaft. Bereits während des Nordischen Krieges mussten russischen Truppen Rückschläge verbuchen, und nun vermuteten die Russen, dass es unter den Deutschen auch Spione gäbe, die für die Feinde des Zarenreiches tätig waren. Darum kam es zu Überfälle auf die Deutsche. Die Russen übten Rache und zer­stör­ten deutsche Häu­ser und die lutherische St. Michaeliskirche und tö­te­ten ei­nen Teil ih­rer Be­woh­ner. Den Historikern ist bekannt, dass 378 Deutsche gefoltert und hingerichtet wurden.[19] Dr. Victor Dönninghaus fasst die Jahrhunderte andauernde antideutsche Stimmung unter der russischen Bevölkerung zusammen:

Im Win­ter 1578 plün­der­ten die engs­ten Ge­folgs­leu­te des Za­ren Ivan IV. die Deut­sche Vor­stadt in Mos­kau. Sie zer­stör­ten die Häu­ser und die Kir­che und tö­te­ten ei­nen Teil ih­rer Be­woh­ner. Nach Aus­sa­gen von Au­gen­zeu­gen stand dies im Zu­sam­men­hang so­wohl mit Misserfolgen der rus­si­schen Trup­pen an der Liv­län­di­schen Front als auch da­mit, dass sich in der „aus­län­di­schen“ Sied­lung Spio­ne be­fin­den soll­ten.  Die­ses Sze­na­rio wie­der­hol­te sich wäh­rend des Ers­ten Welt­kriegs. Un­mit­tel­bar nach Be­ginn der Kriegs­hand­lun­gen stell­ten die rus­si­schen Be­hör­den die auf ih­rem Ter­ri­to­ri­um le­ben­de deut­sche Be­völ­ke­rung un­ter be­son­de­re Kon­trol­le. Es gab po­li­ti­sche Re­pres­sio­nen, Spra­che und Re­li­gi­on be­tref­fen­de Dis­kri­mi­nie­run­gen, ein fak­ti­sches Ver­bot kul­tu­rell-​auf­klä­re­ri­scher und öko­no­mi­scher Ak­ti­vi­tä­ten und so­gar nach na­tio­na­len Kri­te­ri­en vor­ge­nom­me­ne Ent­eig­nun­gen. Ei­ne na­tio­na­lis­ti­sche Pro­pa­gan­da ver­mit­tel­te ein all­ge­mein ver­ständ­li­ches Feind­bild von den Deut­schen. Auf zahl­rei­chen Flug­blät­tern und Pla­ka­ten wur­den die „äu­ße­ren“ Deut­schen als Un­ge­heu­er oder als das Ge­fol­ge des An­ti­christ dar­ge­stellt; die im Rus­si­schen Reich le­ben­den Deut­schen gal­ten da­ge­gen über­wie­gend als Spio­ne, Pa­ra­si­ten und Kost­gän­ger des rus­si­schen Volkes. Die Be­völ­ke­rung nutz­te die an­ti­deut­schen An­ord­nun­gen und Maß-​nah­men der Re­gie­rung auf ih­re Wei­se. In­spi­riert durch Ent­sch­eidun­gen hö­he­rer Be­hör­den, an­ge­heizt durch re­gel­mä­ßi­ge an­ti­deutsche Aus­fäl­le in der Pres­se und er­mun­tert durch Ver­tre­ter der loka­len Ver­wal­tung, rot­te­ten sich Ein­woh­ner Mos­kaus En­de Mai 1915 zu­sam­men und be­gan­nen mit der Ver­wüs­tung deut­scher Ge­schäf­te und Fa­bri­ken. Zu die­ser Zeit bil­de­te Mos­kau nach St. Pe­ters­burg das zweit­größ­te städ­ti­sche Zen­trum der Deut­schen im Rus­si­schen Reich. 1912 hat­ten hier 28500 der mehr als 1,5 Mil­lio­nen Ein­woh­ner Deutsch als ih­re Mut­ter­spra­che an­ge­ge­ben. Da­mit wa­ren die Deut­schen nach den Groß­rus­sen die zweit­größ­te eth­ni­sche Grup­pe. Ein gro­ßer Teil der Mos­kau­er Deut­schen be­saß die rus­si­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit, et­was mehr als 7000 wa­ren deut­sche Staats­bür­ger ge­blie­ben, aber auch von die­sen war et­wa ein Drit­tel in Mos­kau ge­bo­ren. Die an­ti­deut­schen Po­gro­me in Mos­kau dau­er­ten nur vom 27. bis 29. Mai 1915, fan­den aber in an­de­ren rus­si­schen Städ­ten – et­wa in Pe­trograd, As­tra­chan, wer, Odes­sa, Char­kow und Now­go­rod – gro­ße Re­so­nanz. Quel­len be­le­gen, dass in Mos­kau ins­ge­samt 732 Or­te ver­wüs­tet wur­den: Ge­schäf­te, La­ger­räu­me, Kon­to­re und so­gar Pri­vat­woh­nun­gen. Der Scha­den be­lief sich auf mehr als 50 Mil­lio­nen Ru­bel. Auch wur­den zahl­rei­che Fer­tig­wa­ren zer­stört: Me­di­ka­men­te, an­de­re che­mi­sche Pro­duk­te, Le­der, Schu­he, Au­tos, me­di­zi­ni­sche Ap­pa­ra­te, Le­bens­mit­tel usw. Iro­nie am Ran­de: Vie­le der be­trof­fe­nen Fir­men hat­ten der Mi­li­tär­be­hör­de, dem Kreis-​ bzw. dem Städ­te­ver­band oder der Stadt Mos­kau un­ter­stan­den. Die Aus­schrei­tun­gen zo­gen nicht nur Un­ter­neh­men und Woh­nun­gen von deut­schen und ös­ter­rei­chi­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen in Mit­lei­den­schaft; un­ter den Ge­schä­dig­ten gab es so­gar mehr rus­si­sche Staats­bür­ger deut­scher Ab­stam­mung oder und Un­ter­ta­nen neu­tra­ler oder so­gar mit Russland ver­bün­de­ter Staa­ten. Die an den Po­gro­men Be­tei­lig­ten schei­nen sich von ei­ner ein­fa­chen „Freund-​Feind“-​For­mel ha­ben lei­ten las­sen, bei der al­le die­je­ni­gen als „fremd“ gal­ten, de­ren Nach-​ oder Fir­men­na­men aus­län­disch klan­gen. Selbst in der Nä­he von deut­schen ge­le­ge­ne Ge­schäf­te und Un­ter­neh­men von Rus­sen wur­den so ein­ge­stuft…[20]

Nichtsdestotrotz wanderten auf die Initiative der Katharina II. seit 1765 viele Deutsche aus West- und Südwestdeutschland nach Russland ein. Sie betrieben Getreideanbau und Viehzucht. Ab 1789 folgten ihnen auch westpreussische Mennoniten in die nördliche Schwarzmeerregion. „In Neurussland wurden viele Siedlungen im Süden des damaligen Zarenreichs nahe der Hafenstadt Odessa gegründet. Wegen ihrer gemeinsamen Geschichte werden Schwarzmeerdeutsche zu den Russlanddeutschen gezählt.“[21]

Unter den zweihundert siebzig Tausend Schwarzmeerdeutschen waren auch meine Vorfahren seitens der Mutter. Sie verspürten bereits nach der Abschaffung der Leibeigenschaft im Jahr 1861 durch den Zaren Alexander II. eine erneute sich anbahnend wachsende antideutsche Stimmung[22]. Meine Mutter gab dazu eine laienhafte Erklärung, dass es wohl die russischen Tagelöhner waren, die auf den mennonitischen Höfen arbeiteten und sich ungerecht behandelt fühlten, welche diese feindselige antideutsche Einstellung auslösten.[23] Diese Erklärung ist nicht von der Hand zu weisen. Die mennonitischen Erfolge in der Landarbeit führten tatsächlich nicht selten zu Neid und Eifersucht bei den russischen Tagelöhnern.[24] Es kam, wie Nick Brauns schreibt, zu weitgehenden feindseligen Stimmungen den Deutschen gegenüber.[25] In meiner Jugendzeit empfand ich Mutters Glaubensgenossen in Omsk als sehr überheblich. Ich kam in die Stadt nach dem 2. Weltkrieg aus sehr ärmlichen Verhältnissen und begann dort mein Studium. Meine schlichten Schuhe waren kaputt. Die Zehen steckten raus. Draußen war Winter. Es herrschte eisiger Frost. Ich besuchte ab und zu die deutsche Mennoniten-Gemeinde, weil mein Onkel Heinrich Reimer ihr Reiseprediger war und ich bei ihm zu Hause eine Zeit lang wohnte (3-y Zheleznodorozhnyy Pereulok, 644079 Omsk). Jungs und Mädels trafen sich anschließend an den Gottesdienst zur Bibelarbeit und zum Austausch. Ich musste mich vorstellen. Alle Blicke waren auf mich gerichtet. Die Mädels begannen zu kichern. Ich konnte mir das Kichern nicht erklären und erzählte ruhig in Russisch von meiner Hinwendung zu Christus. Das Plattdeutsch war mir fremd. Unsere Mutter brachte uns ein antiquiertes Schriftdeutsch bei, das im 18. Jahrhundert gesprochen wurde. Nach dem Treffen fragte ich einen Kommilitonen: „Warum gab es ein Kichern in der Gruppe?“ Er guckte mich verlegen an und sagte: „Bitte, reagiere nicht zu empfindlich. Die mennonitischen jungen Frauen kommen aus gut betuchten Familien und sie haben sich lustig über deine kaputte Schuhen gemacht.“ Ich schwieg. Nein, ich empfand keine Minderwertigkeitskomplexe. Der starke Frost hatte mich immer wieder ins Bett gezwungen. Erkältungen waren mir nicht fremd. Die chronische Bronchitis und zwei Lungenentzündungen setzten mir fürchterlich zu. Das ständische Husten war furchtbar lästig. In meiner Melancholie dachte ich des Öfteren, dass der Tod die bessere Lösung für mich wäre. Jedoch an Selbstmord dachte ich nie, wohl aber  benahm ich mich waghalsig. Ich hatte keine bessere Schuhe oder Stiefeln. Und es war mir egal. Ich suchte keine Lösungen meines Problem. Auch wenn ich neben dem Studium gearbeitet hatte, gab ich mein verdientes Geld für Nahrungsmittel und nicht für bessere Fuß Ware aus. Jedoch seit dieser Zeit konnte ich mich nie wieder überwinden, diese christliche Gruppe zu besuchen. Ich schwor vor Gott, nie ein Mädchen mit mennonitischem Hintergrund zu heiraten Das Gegenteil ist, Gott sei Dank, geschehen.

Die Mennoniten haben nolens volens die antideutsche Stimmung selbst ausgelöst und unbewusst gefördert. Zu all diesen oben erwähnten Miseren kam noch das Angleichungsgesetz vom 4. Juni 1871 hinzu. Mit diesen Gesetz wurden die historisch entstandenen Gesetze der Kolonisten und die kolonistische Selbstverwaltung aufgehoben. Die Siedlereigentümer wurden den Gouvernements- und Kreisbehörden sowie den lokalen Behörden für Bauernangelegenheit unterstellt. Die lokalen Selbstverwaltungseinheiten waren bereits 1864 im russischen Kaiserreich eingeführt worden, um die mennonitischen Kolonisten auf der Ebene der Bezirke und Gouvernements zu beaufsichtigen. Die Kolonisten bekamen jedoch die Chance, auf lokaler und regionaler Ebene aktiv zu werden und ihre wirtschaftlichen Interessen zu vertreten[26].

Die eingeführte Landstandreform[27] unterstellte die mennonitischen Kolonisten der russischen Verwaltung. In allen Ämtern und Gerichten wurde die russische Sprache zur Amtssprache. Dieser Tatbestand löste die Befürchtung bei den Mennoniten aus, dass die Kolonisten dem Prozess der Russifizierung bewusst unterworfen werden.

An sich wurde die eigentliche beabsichtigte Russifizierung erst nach der Oktoberrevolution zur sowjetischen Innenpolitik, aber das Angleichungsgesetz vom 4. Juni 1871 trug im Wesentlichen dazu bei, dass bereits im zaristischen Russland die Deutschen der Russifizierung unterworfen wurden. Die sowjetischen Machthaber setzten diesen Prozess fort und ergriffen ihrerseits alle möglichen Maßnahmen, um den Einflussbereich der russischen Sprache und der russischen Kultur zu Lasten anderer Sprachen und Kulturen im Sinne eines Transkulturationsprozesses durchzusetzen[28].

Theodore R. Weeks schreibt:

„Unter zaristischer wie unter sowjetischer Herrschaft sollte mit der Russifizierung und Sowjetisierung das Ziel verfolgt werden, die Kontrolle des Staates über eine heterogene Bevölkerung zu sichern. Das Russische Reich unternahm kaum Anstrengungen, die verschiedenen Volksgruppen kulturell zu assimilieren, die unter der zaristischen Herrschaft lebten, und nach 1917 zielte die Sowjetisierung viel ehrgeiziger auf eine totale Veränderung der menschlichen Existenz ab. Während die Sowjetisierung nie offen eine kulturelle Assimilation befürwortete, setzte sie dennoch voraus, dass die sowjetischen Bürger die russische Sprache als die grundlegende „All-Unions“-Sprache benutzten und erwartete von ihnen, den ‚modernen‘ Lebensstil zu übernehmen, der oftmals auf das russische Vorbild zurückging. Die Verbreitung der russischen Kultur in der UdSSR und in geringerem Ausmaß in Ost-Mittel-Europa nach 1945 brachte letztendlich jedoch keine neue sowjetische Identität hervor. Vielmehr griffen die Nicht-Russen in ihrem Kampf für politische Unabhängigkeit die Rhetorik der Befreiung und der nationalen Selbstbestimmung auf, deren sich die sowjetische Führung bediente.“[29]

Meine Mutter erzählte uns, dass nur eine mennonitische Minderheit die russische Sprache beherrschte. Sie selbst kam nach 1924 nach Westsibirien in die Stadt Omsk und sollte als Haushälterin in den diversen gut situierten Familien arbeiten. Russisch war für sie eine Fremdsprache. Man sprach zu Hause kein Schrift-, sondern Plattdeutsch, auch als Mennoniten-Niederdeutsch bekannt. Dieser Dialekt ist einer der Vielzahl der Sprachformen, der sich aus dem Altsächsischen im Osten der Niederlande verbreitete. Ostniederdeutsch muss sich im 16. und 17. Jahrhundert im (heute polnischen) Weichseldelta herausgebildet haben. [30]

Nach der Landstandreform im 19. Jahrhundert unterstand das deutsche Schulwesen der Kreisversammlung, deren Beschlüsse der zuständige Gouverneur oder das Innenministerium aufheben konnte. Diese Entwicklung kann nun einerseits als Förderung des Mitspracherechts, und insgesamt der Integration, andererseits als Versuch einer Bevormundung und Beitrag zur Assimilierung der Russlanddeutschen angesehen werden. Der Prozess der militanten Russifizierung und das Aufkeimen des Panslawismus waren nicht mehr aufzuhalten. Er begann in der Zeit der russischen Monarchie und wurde kontinuierlich fortgesetzt nach der Oktoberrevolution.[31]

Selbstverständlich war die antideutsche Stimmung die Triebkraft, welche die Mennoniten bereits im 19. Jahrhundert bewegte, Russland zu verlassen. Victor Dönninghaus und Theodore R. Weeks dokumentieren, dass diese Stimmung mit der Russifizierung Hand in Hand ging. Dazu kam dann die Kollektivierung, von der  nicht nur die wohlhabende Bauern, sondern auch weniger betuchte Deutsche betroffen waren. So berichtete Professor Otto Auhagen, welcher der landwirtschaftlichen Sachverständige bei der Deutschen Botschaft in Moskau war:  Im 20. Jahrhundert waren nicht nur Wohlhabende von den Zwangsmaßnahmen der schleichenden Kollektivierung betroffen gewesen und ihre gesamten Getreideüberschüsse, „freiwillig“ an die amtlichen Beschaffungsorgane zu einem Preis abzugeben, der nur 20% des Marktpreises betrug. Die Dorfräte, in denen wohlhabendere Bauern kein Stimmrecht mehr hatten, konnten bei Nichterfüllung der überhöhten Ablieferungsforderungen hohe Strafen verhängen. Im Wiederholungsfall drohten ihnen mehrjährige Gefängnisstrafen oder die Verbannung.[32]

Die Zwangsmaßnahmen trafen die deutschen Kolonisten der Ukraine und der Krim mit besonderer Härte, da hier der Anteil der sogenannten „Kulaki“ (Großbauern) sehr hoch war. Binnen weniger Wochen fuhren rund 14.000 Kolonisten aus allen Landesteilen nach Moskau. Sie hofften, mit Hilfe der Deutschen Botschaft die Erlaubnis zur Auswanderung nach Kanada oder in irgendein anderes Land bekommen zu können. Trotz aller Bemühungen durften aber nur 5750 Deutsche auswandern.[33] Die Zahlen der Auswanderer wird unterschiedlich, jedoch geringfügig, dokumentiert.

1914 verbot der letzte Zar, Nikolaus II. (1894–1917), unter anderem, den Gebrauch der deutschen Sprache in der Öffentlichkeit. Obwohl dreihundert Tausend Russlanddeutsche in der russischen Armee Seite an Seite mit den Russen im Ersten Weltkrieg gekämpft hatten, sah man sie dennoch als „potenzielle Verräter“ und „innere Feinde“. Die Ideologie des überlegenen Russen begann nicht erst im 21. Jahrhundert mit Vladimir Putin[34], sie hat ihre Wurzeln im imperialen Zarenreich. Denn 1915 kam es sogar zu einem „Pogrom“ der Deutschen in Moskau[35].

Der antideutsche Pogrom in Moskau ereignete sich in der Zeit vom 27. bis 29. Mai 1915.[36] In seinem Verlauf wurden in der Stadt 732 einzelne Räumlichkeiten – Geschäfte, Lagerräume, Kontore (Büros), Privatwohnungen – verwüstet. Der unmittelbare materielle Schaden belief sich auf rund 50 Millionen Rubel. Wechsel, Wertpapiere und Geld gingen nicht in die Schadenssumme ein. Ziel der Angriffe waren alle Firmen und Geschäftsleute, deren Firmen- oder Nachnamen einen ausländischen Klang hatten. Dem einfachen Freund-Feind-Schema war es geschuldet, dass auch russische Unternehmen mit einem ausländisch klingenden Namen als „fremd“ eingestuft und blindwütig angegriffen wurden. Im Ergebnis des Pogroms vom Mai 1915 stellten viele Unternehmen und Handelshäuser, die Träger ausländisch klingender Namen waren, ihre Aktivitäten in Moskau völlig ein. Dies betraf auch Unternehmen der Staatsbürger der Entente-Mächte, also der mit Russland verbündeten Staaten[37]. (Entente war ein 1904 zwischen dem Vereinigten Königreich und Frankreich geschlossenes Bündnis.)

Die sowjetische Politik der Russifizierung tendierte, die ukrainische, weißrussische und die sonstigen nationalen Kulturen, Sprachen und Dialekte abzuschaffen, sodass nur noch die eine sowjetische Kultur, die im Werden begriffen war, übrig bliebe. Die russische Sprache wurde zur Amtssprache in allen sowjetischen Republiken.[38] Die Sowjetmacht bemühte sich, Maßnahmen zu ergreifen, um den Einflussbereich der russischen Sprache und der russischen Kultur zulasten der anderen Sprachen und Kulturen im Sinne eines Transkulturation-Prozesses auszuweiten.[39] Es ging bei diesem Prozess um Einflussnahme der sowjetischen Kultur auf alle anderen Kulturen. Der Homo Sovieticus ist ein neuer Mensch, der die eine Sprache spricht und nur die eine sowjetische Kultur vertritt.[40]

Eigentlich wollten die Betreiber der Oktoberrevolution einen Neuen Menschen schaffen. Deren neuer Mensch oder Sowjetmensch sollte eine Art „Übermensch“ werden: Wenn die „Ausbeuterordnung“ abgeschafft ist, wird in einer sozialistischen Gesellschaft ein „Neuer Mensch“, der  Homo Sovieticus aufwachsen, frei von Lüge, Betrug, Grausamkeit, Diebstahl, Faulheit und Trunksucht. Leo Trotzki schrieb 1923: „Der Mensch wird unvergleichlich stärker, klüger, feiner werden … der menschliche Durchschnitt wird sich bis zum Niveau eines AristotelesGoetheMarx erheben.“ Dieser Sowjetmensch spricht Russisch, weil Lenin so sprach.[41] Bereits im Jahre 1916 prophezeite der revolutionäre Dichter Wladimir Majakowski: „Und er, der Freie, nach dem ich schreie, der Mensch, er kommt, ich bürge dafür.“ [42]

Jedoch dem sowjetische Regime gelang es nie diesen neuen Sowjetmenschen erschaffen. Der russische Dissident, Soziologe, Logiker und Schriftsteller Alexander Sinowjew beschrieb den Homo Sovieticus im sowjetischen Alltagsleben sehr zutreffend: Er ist ein Opportunist, der sich von seiner Führung alles gefallen lässt und so wenig wie nur möglich Verantwortung übernehmen möchte. Er ist ohne Eigeninitiative und verrichtet seinen Dienst nach Vorschriften. Das Stehlen von Volkseigentum, welches „niemand gehört“, ist für ihn nur ein Kavaliersdelikt. „Vor diesem Hintergrund entwendet der Homo Sovieticus z. B. regelmäßig Dinge von seinem Arbeitsplatz, sei es für den eigenen Gebrauch, sei es zum Weiterverkauf.“[43] (In dem sowjetischen Straflager 154/57 hielt man die Diebe des „Volkseigentums“ in große Ehre, die Taschendiebe jedoch wurden erniedrigt und verschmäht.)

Der Judenpogrom

Unsere Mutter erzählte viel über den Judenhass, der in Russland geherrscht haben soll. Sie selbst war gern Haushälterin bei jüdischen Ärzten und Unternehmer. Die Juden hätten sie als Mennonitin sehr gut behandelt. „Doch“, sagte Mutter: „ich konnte nie verstehen, warum die Russen die jüdischen Häuser verwüsteten bzw. Pogrome veranstalteten.

Ich ging der Angelegenheit nach und las einen Bericht auf der Homepage von WDR vom 27.06.06, dass die Pogrome über Jahre immer wieder im zaristischen Russland aufflammten. 259 Ausschreitungen wurden bis 1884 gezählt. Hunderte Juden wurden getötet, Tausende verletzt. Ein Korrespondent der Londoner „Times“ berichtete 1882 von 225 vergewaltigten Frauen, 17 von ihnen wären gestorben.“ Jüdischer Besitz im Wert von rund 10 Millionen Rubeln wird kurz und klein geschlagen oder geraubt.“[44]

Allein zwischen 1903 und 1906 fanden an die 600 Pogrome gegen die Juden statt. Karen Andresen berichtete am 31.01.2012 im Spiegel-Online, dass nirgends der Judenhass um 1900 so gewalttätig wie in Russland gewesen war.

Am Ende des 19. Jahrhunderts lebten 5,2 Millionen Juden in Russland, etwa die Hälfte der jüdischen Weltbevölkerung. Jedoch der Judenhass wurde durch die Presse geschürt. „Die Zeitung „Bessarabets“ hatte die Legende von den jüdischen Ritualmorden wiederaufgelegt und die Juden beschuldigt, in der Karwoche ein christliches Kind ermordet zu haben, um das Leiden Christi zu verhöhnen. „Tod den Juden“, hatte das antisemitische Hetzblatt getitelt und zum „Kreuzzug gegen die verhasste Rasse“ aufgefordert.“

Es kam zu jüdischen Verwüstungen bzw. zu Pogrome der Juden. So der „Pogrom von Kischinjow setzte ein Fanal, er war die Wende zu einer neuen Brutalität in der langen Geschichte von Gewalttaten gegen Juden in Russland. Fortan gehörte rücksichtsloser Antisemitismus zum politischen und sozialen Protest. Bis Ende 1904 ereigneten sich 45 Pogrome, zwischen Oktober 1905 und September 1906 waren es 674 Gewaltexzesse mit zusammen mehr als 3000 Toten. Allein in Odessa starben damals etwa 800 Juden. „Bis zum Ersten Weltkrieg“, so der Berliner Antisemitismusforscher Wolfgang Benz, „wurde Judenfeindschaft im russischen Zarenreich mit größerer Vehemenz und Aggressivität praktiziert als in jedem anderen Land.“ „Von hier aus gingen die „Protokolle der Weisen von Zion“ um die Welt – jene obskure Verschwörungstheorie, derer sich später auch die Nazis bedienten.“[45]

Der Rote Terror der Bürgerkriegsjahre“ (1917–1923)

Sehr vielen Mennoniten gelang es nicht, nach Amerika auszuwandern. Die Sippe Rabsch sah sich veranlasst, im Altaigebiet Land zu erwerben oder zu pachten und es zu bearbeiten. Es gab da bereits Tochterkolonien der im Jahre 1804 in der Ukraine gegründete Halbstadt (Molotschansk)[46]. Die Mennoniten nannten ihre neue Siedlung in der Kulundasteppe  „Halbstadt“ nach dem Namen der Muttersiedlung in der Ukraine. Sie wurde zum Landkreis (Rayon) mit 1750 Einwohner. Zum Landkreis gehörten 16 (sechzehn) Dörfer mit insgesamt 20700 Einwohner, davon 18600 Deutsche. Die Stadt Slawgorod hatte damals kaum 33000 Einwohner[47].

Die Eltern Rabsch konnten im Rayon Halbstadt sechzig Desjatinen Land (eine Desjatine ergibt 1,0925 Hektar) pachten und bearbeiten. Nach dem Tod der Eltern übernahm ihr Sohn Johann Rabsch (geboren 1872 im Dorf Gnadenfeld, gestorben 1937 in Omsk?) die Verantwortung für die Bearbeitung der Gärten und Felder. Er hatte noch einen Bruder Ignat und eine Schwester Gertrud Rabsch (geb. 17. März 1878), die nach Molotschna zurückkehrte und Heinrich Johann Janzen (23.11.1874-9.11.1945) heiratete, nämlich im Jahre 1898[48].

Bis zur Oktoberrevolution im Jahre 1917 schien es der Familie Johann Rabsch, im Landkreis Halbstadt an nichts zu mangeln. Doch ab 1917 überschlugen sich die Ereignisse und der „Rote Terror“ machte auch vor den Toren der Mennoniten Dörfer nicht halt[49]. Er richtete sich zuerst gegen die liberale Kadettenpartei, streikende Arbeiter und gegen die widerspenstigen und vermögenden Bauern.[50]

Bereits im April 1917 veröffentlichte Lenin seine Aprilthesen, in denen er eine Revolution, die Macht der Räte und Enteignungen forderte. Nach der Oktoberrevolution erhielt Felix Dserschinski (1877-1926) von Lenin den Auftrag die Außerordentliche Allrussische Kommission zur Bekämpfung von Konterrevolution, Spekulation und Sabotage zu gründen (WeTscheKa). Es war der Beginn der „Bürgerkriegsjahre des Roten Terrors“ gewesen. Dserschinski implementierte die Aprilthesen Lenins und begann mit der Enteignung.[51]

Die Thesen Lenins beinhalteten nicht nur die Enteignung des Großgrundbesitzes und sofortige Landaufteilung (Alles Land den Bauern), sondern auch alle Macht den Sowjets, Beendigung des Krieges, Kontrolle der Arbeiter über die Industrie, die Verstaatlichung der Banken, Errichtung einer Sowjetrepublik, der Sturz der  Provisorischen Regierung, die Gründung einer revolutionären Internationale und Agitation und Aufklärung der Massen und Gewinnung einer bolschewistischen Mehrheit in den Räten.[52]

In den Aprilthesen Lenins lesen wir:

These 6: „Im Agrarprogramm Verlegung des Schwergewichts auf die Sowjets der Landarbeiterdeputierten. Beschlagnahme der gesamten Ländereien der Gutsbesitzer. Nationalisierung des gesamten Bodens im Lande; die Verfügungsgewalt über den Boden steht den örtliche Sowjets der Landarbeiter- und Bauerndeputierten zu.“[53]

Lenin hat trotz Kritik seiner Parteigenossen die Enteignung des Großgrundbesitzes und sofortige Landaufteilung eingeläutet. Der Philosoph Georgi Plechanow (1856-1918) nannte die Aprilthesen als „Fieberfantasien“. Darauf antwortete Lenin sichtlich gekränkt: „„Herr Plechanow hat in seiner Zeitung meine Rede als, Fieberfantasie’ bezeichnet. Sehr gut, Herr Plechanow! Doch wie plump, ungeschickt und begriffsstutzig sind Sie in Ihrer Polemik! Wenn ich in meiner Rede zwei volle Stunden lang wie im Fieber fantasierte, warum duldeten dann Hunderte von Zuhörern diese, Fieberfantasie’? Weiter. Warum widmet Ihre Zeitung der Wiedergabe einer, Fieberfantasie’ eine ganze Spalte?“[54]

Die sich anbahnende Enteignung hatte die Familie Rabsch nicht sofort getroffen, dagegen aber war es der „Rote Terror“.

Den fürchterlichen „Roten Terror“, den wir nur aus der Geschichte kennen, hätte es möglicherweise in solchem Ausmaße nicht gegeben, wenn am 5. September 1918 ein Attentat auf Lenin ausgeblieben wäre. Für das Attentat wurde Fanni Kaplan alias Faiga Roitman (10.02.1890-3. Sept. 1918) verantwortlich gemacht und im Hof von Kreml erschossen. Man bezweifelt bis heute, dass sie es getan hatte, nämlich auf Lenin geschossen, aber andere glaubhafte Informationen sind uns nicht bekannt. Kaplan hat ihre Hintermänner nie verraten. Bekannter Weise gab es bei den Bolschewiken Kräfte, die Lenin als Feind der Revolution definierten und ihn beseitigt wissen wollten.[55] Daraufhin erhielt Felix Dserschinski von Lenin den Auftrag, mit dem „Roten Terror“ im Sinne der Französischen Revolution zu beginnen.[56]

Die Enteignung bedeutete nicht die Kollektivierung. Denn die eigentliche „Kollektivierung“ fand zwischen Juni 1928 und Juli 1932 unter Stalin statt und nicht in der Zeit des „Roten Terrors“[57].

Es war doch selbstverständlich, dass Lenin den „Roten Terror“ von Anfang an unterstützte[58]. Am 8. November 1918 fand eine politische Konferenz des Komitees des Proletariats (quasi der Armen) statt. Lenin sprach auf diesem Treffen zu den Delegierten und äußerte die Meinung, man müsse streng gegen die Kulaken (Russisch: Kulak – Faust), den vermögenden Bauern, vorgehen. Wladimir Lenin soll auf dieser Konferenz in etwa gesagt haben:  „Wenn nur ein Kulak am Leben bleibt und wir diese Parasiten nicht liquidieren, dann kommt unweigerlich ein König an die Macht und mit ihm auch die Kapitalisten[59].“ Er äußerte sich ähnlich 1919, zitiert von Hannes Stein: „Die Kulaken sind der Todfeind der Sowjetherrschaft. Wir werden einen erbarmungslosen Krieg gegen die Kulaken führen! Tod ihnen allen! Das Proletariat muss den Kulaken Aufstand mit eiserner Faust zerschmettern[60]!“

Bereits am 11. November 1918 wählten die Delegierten der oben erwähnten Konferenz Ausschüsse, die eine wichtige Rolle im Kampf gegen die wohlhabenden Bauern spielen sollten. Sie läuteten die Enteignung ein. Diese Entkulakisierung oder Dekulakisierung (auch fälschlicherweise „Kollektivierung“ genannt) führte zum Prozess der Umverteilung der beschlagnahmten Grundstücke. Die damalige landwirtschaftliche Ausrüstung, die Lebensmittel-Überschüsse der Kulaken und ihr Eigentum von fünfzig Millionen Hektar Land ging zum erheblichen Teil zugunsten der ganz Armen. Die Historiker überschrieben diese Zeit als „Entkulakisierung in den Jahren 1917-1923“ oder mit „der Rote Terror der Bürgerkriegsjahre“ (1917–1923)[61].

In der Zeit des „Roten Terrors“ wurde eine der rücksichtslosesten Politik der Eintreibung von Naturalsteuern von Bauern betrieben, die als „Entkulakisierung“ oder Enteignung der wohlhabenden Bauern empfunden wurde[62]. Am 25. 7. 1922 schrieb die Zeitung „Iswestija“ wörtlich: „Man darf nicht außer Acht lassen, dass der Bauer im Besitze der wertvollsten materiellen Mittel ist. Es genügt, an die verflossenen Jahre zu erinnern, in denen die Städte von Hunger bedroht waren, da die Bauern das Brot lieber behalten wollten, als es gegen wertloses Papier einzutauschen.“[63] Am 8.8.1922 schrieb „Iswestija“ erneut: „Die Realisierung der Ernte und die Konzentration möglichst größerer Getreidemengen in den Händen des Staates ist die wichtigste politische und wirtschaftliche Aufgabe der proletarischen Macht unter den Bedingungen des Staatskapitalismus“.[64]

Die Naturalsteuern (Steuer in Form von Naturalien) hatten verhängnisvollen Folgen für die Agrarwirtschaft und bewirkten das Gegenteil von dem, was der Staat vorhatte, nämlich die von „Hunger bedrohten Städte“ zu retten. Diese Steuern führten paradoxaler Weise in den Jahren von 1921 und 1922 zu rund fünf Millionen Hungertoten und weiteren rund fünfundzwanzig Millionen Hungernden. Auch Mutters Vater Johann samt Familie wurde plötzlich mittellos und musste ums eigene Überleben und der der Kinder bangen.[65]

Die zweite Phase der Entkulakisierung fand zurzeit von Stalin zwischen 1929 und 1933 statt. Die Bauern wehrten sich und weigerten sich, ihr Hab und Gut dem Staat zu übergeben und den Kolchosen beizutreten. Die Folgen waren verheerend. Rund dreißig tausend Personen wurden erschossen. Etwa 2,1 Millionen Menschen wurden in entfernte, unwirtliche Regionen deportiert – 1,8 Millionen davon in den Jahren 1930 und 1931. Weitere 2 bis 2,5 Millionen wurden in ihrer Heimatregion auf schlechtere Böden zwangsumgesiedelt. Diese Entkulakisierung bedrohte die Bauernschaft durch physische Vernichtung, Deportation und Enteignung[66]. Auf diese Weise sollte sie der Zwangskollektivierung zum Durchbruch verhelfen. Experten schätzen, dass die Entkulakisierung durch Hunger, Krankheiten und Exekutionen 530.000 bis 600.000 Menschenleben kostete. Die Bauern reagierten insbesondere 1930 mit erheblichem Widerstand gegen die Gewaltkampagne des Staates. Zeitweise fürchteten Partei- und Staatsfunktionäre, der bäuerliche Widerstand könne sich zu einem landesweiten Aufstand ausweiten.[67]

Mutters Eltern mussten samt Kindern nach den „Bürgerkriegsjahren des Roten Terrors“ und nach der vom Staat erhobenen Naturalsteuern ihr Dorf Gnadenfeld, Kreis Halbstadt verlassen. Sie unternahmen den Versuch, wie viele anderen Mennoniten, nach Kanada zu fliehen,[68] aber das gelang ihnen nicht.

Die Tragödie in der mennonitischen Familie von Johann Rabsch

Meine Mutter gibt persönlich zu Protokoll, dass die Familie Rabsch bis 1924 mehr oder weniger genügsam im Dorf Halbstadt gewohnt haben soll. Aus anderen Quellen und Erzählungen treten mehrere Informationen zutage, die von einer schrecklichen Tragödie in dieser Familie vermuten lassen.

Der Vater Rabsch soll ein leidenschaftlicher Jäger gewesen sein. Bekanntlich haben Mennoniten Pazifismus gepredigt und auch gelebt. Es ist schon verwunderlich, dass Johann Rabsch ein leidenschaftlicher Jäger war. Meine Mutter war Produkt seiner Erziehung und lebte den Pazifismus, der Teil ihrer eigenen Erziehungsmethode wurde. „Ein Kind wird nie mit Schlägen für seine Vergehen bestraft“, hieß es. Mutters Motto lautete: „Ermahnen und Ermutigen“. In einem Verzweiflungsmoment griff sie einmal zur Rute, als sie mich beim Rauchen erwischte. Damals war ich vierzehn. Ich nahm ihr die Rute aus der Hand und warf sie weg. Mutter weinte bitterlich: „Verzeih mir, mein Sohn! Bei mir sind alle Sicherungen durchgebrannt. Ich bin verzweifelt.“ Ich nahm sie in die Arme und sagte: „Ist schon gut. Ich werde irgendwann damit aufhören. Habe doch Geduld mit mir!“

Es wunderte mich sehr, dass Großvater ein Gewehr besaß. Mein mennonitischer Schwiegervater war in der deutschen Wehrmacht und weigerte sich, mit einer Schusswaffe die Feinde Deutschlands zu bekämpfen. Die deutschen Offiziere konnten sich nicht leisten, ihn deswegen erschießen zu lassen. Denn die deutschen Verluste waren 1945 sowieso zu zahlreich. Man beorderte ihn, den Sanitätsdienst wahrzunehmen. Er kam vermutlich bei Stettin ums Leben. Im März 1945 bekam die Schwiegermutter den letzten Brief von ihm, in dem er andeutete, dass er wohl nicht lebend davon kommt.

Der Großvater entdecke sehr viel Wild auf seinem Grundstück: Rehe, Wildschweine, Hasen und in dem kleinen See Wildgänse- und Enten. Er kaufte sich ein Gewehr und ging jagen. Er kam von der Jagd meistens mit Beuten wie Hasen, Rehen und Wildgänse nach Hause.

Ja, und mein Großvater hantierte sehr geschickt mit einem Gewehr, ob er es auch gegen Menschen eingesetzt hätte, weiß ich leider nicht. Eines Tages ging mein Großvater mit seinem einzigen Sohn wiedermal auf die Jagd. Der Sohn sollte das Wild in den Büschen aufscheuchen und es in seine Richtung treiben. Da sah der Großvater ein Reh, das neugierig hinter einem Busch hervorschaute. Johann Rabsch zielte und schoss auf das Tier. Er traf das Reh nicht. Es lief davon. Johann rief nach seinem Sohn. Er meldete sich nicht. Verwundert ging Johann Rabsch zum Busch, wo er ihn vermutete. Er fand seinen Sohn hinter dem Busch auf der kleinen Wiese liegen. Eine Lache Blut auf dem Gras ließ schlimme Ahnungen aufkommen. Er näherte sich dem Sohn und stellte bei ihm einen glatten Durchschuss in der Herzgegend fest. Es war die Kugel aus seinem Jagdgewehr. Johann Rabsch heulte los und schrie: „Ich habe meinen einzigen Sohn erschossen!“ Eine Stunde lang hielt er die Leiche in seinen Armen und wimmerte wie ein Kind: „Mein Sohn, mein lieber Sohn ist tot. Ich bin sein Mörder.“ Der Nachbar Peter Siemens kam mit der Sense über die Schulter vorbei und fragte verwundert: „Was ist passiert?“ Johann antwortete schluchzend: „Meinen Sohn, meinen einzigen, habe ich versehentlich erschossen.“

Es war tatsächlich ein Unfall. Das Reh war in unmittelbarer Nähe vom Sohn. Der Sohn stand quasi hinter dem Reh, wie die Untersuchungen der Polizei ergeben haben. Es kam nicht zur Anklage. Johann Rabsch jedoch konnte sich selber nie verzeihen. Er fiel in eine Depression, die ihn bis zu seinem Tod begleitete. Seitdem nahm er nie wieder ein Gewehr in seine Hände.

Mutter erzählte mir, dass ihr Vater dieses Unglück nie verarbeiten konnte. Seinen Kummer versuchte er angeblich, im Alkohol zu ertränken, und soll sich mit anderen Frauen vergnügt haben. Er war ein guter Musiker, spielte Gitarre und Akkordeon und man lud ihn zu verschiedenen Feten ein. Er wurde sozusagen zu einem allgemeinen Lieblingsdarling, aber die wenigsten wussten, was sich tatsächlich in seiner Seele abspielte. Seine Frau zog es vor, in der Stille zu trauern, und soll die Eskapaden ihres Mannes geduldig hingenommen haben (so Mutters Schwester Gertrud). Die Mutter Rabsch, meine Großmutter, musste ja irgendwie weiter funktionieren und zwar den Töchtern zuliebe, die noch alle im Hause waren.

Diese Tragödie warf die ganze Familie in eine kollektive Traurigkeit. Alle fünf Töchter waren mehr oder minder melancholisch veranlagt und von Leid geprägt gewesen. Meine Tante Helene habe ich in Deutschland als Pastor beerdigen dürfen. Ich besuchte sie mehrmals, als sie auf dem Sterbebett lag, und fragte sie: „Kannst Du mir erzählen, warum deine Schwestern und Du persönlich uns nichts von eurem Bruder mitgeteilt habt?“ Sie guckte mich verängstigt an und sagte in einer mir unverständlichen Eile: „Ich weiß nichts über meinen Bruder!“ Es hörte sich so an, als wenn man ihr suggeriert hätte, wie man sich bei einem Verhör oder in einem Gerichtsverfahren verhalten sollte.

Möglicherweise war diese Aussage die einzige inkorrekte Antwort, die ich je aus ihrem Mund gehört hatte. Sie war die einzige von ihren Schwestern, die sich strikt an die Wahrheit hielt, nämlich an die Wahrheit, die sich glauben und spüren, und doch nicht messen ließ.

Ich konfrontierte mit dieser Frage Mutters Schwester Elisabeth. Sie brach in Tränen aus: „Bitte, bitte, stelle mir nie wieder diese Frage!“ Alle vier Schwestern nahmen die Einzelheiten der Folgen des Todes ihres einzigen Bruders ins Grab.

Gertrud, Mutters Schwester, zeigte sich aufgeschlossener und nicht so arg melancholisch, wie ihre übrigen Schwestern, aber manchmal sah ich sie in einem sibirischen Wäldchen stehen und bitterlich weinen. Auf die Frage: „Tante Trudi, warum weinst du“, antwortete sie mir: „Ach Kind, es ist besser, du erfährst so wenig wie nur möglich über das Leben deiner Großeltern.“ Sie führte eine glückliche Ehe und hatte damals bereits drei Söhne: Johann wurde Mitglied der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, war starker Raucher und in späteren Jahren wurde er alkoholabhängig; Valentin war stets ruhig, ausgewogen, introvertiert und, leider, Legastheniker; Heinrich war gerade um die drei Jahre alt.

Das melancholische Seufzen meiner Mutter habe ich immer noch in meinen Ohren.

Tante Elisabeth sehe ich vor meinem geistigen Auge, wie sie auf dem Fensterbrett sitzt, Gitarre spielt, Lieder singt und ohne sichtbaren Grund plötzlich in Tränen ausbricht. Sie war eine zutiefst unglückliche Frau.

Ich komme zum Entschluss, dass meine mennonitischen Großeltern gut situiert waren; später jedoch total verarmten und hungern mussten.

Interessanterweise, betrachtete mich der sowjetische KGB als einen Abkömmling von reichen Vorfahren, aus der quasi Bourgeoisie, der gehobenen sozialen Klasse der Gesellschaft, die ich nie kennengelernt hatte. Außer Armut kannte ich kein anderes Leben in dem russisch geprägten sowjetischen Imperium.

Das Leben nach dem gescheiterten Versuch der Emigration nach Kanada

Mutter erzählte mir bei ihrem Besuch des Straflagers 154/57 im Jahre 1964, wo ich meine fünfjährige Haftstrafe abbüßen sollte, dass zwischen 1922 und 1925 mehr als zwanzig Tausend Mennoniten die kommunistisch regierte Sowjetunion verlassen hätten. Während dieser Zeit flohen auch sechzig Tausend Juden aus der 1922 gegründeten Sowjetunion über Danzig in die USA und Kanada. Die letzte große Einwanderungswelle der Russlanddeutschen Mennoniten nach Kanada fand zwischen 1947 und 1954 statt. Unter ihnen waren auch Vertriebene aus Westpreußen. Auf der Internetseite des Arminius – Bundes steht ein Beitrag mit dem Titel „Die Auswanderungsbewegung.“ Auf der Seite 2 lesen wir: „1924 strömten die durch Raub und Plünderungen verarmten Volksdeutschen aus der Süd-Ukraine nach Moskau. Nur wenige Tausende hatten Glück, der Diktatur des Proletariats zu entkommen. Die Zurückgebliebenen mussten bitter arm in die alte Heimat zurückfahren und bei Verwandten eine Bleibe suchen.“[69]

Die Großeltern Rabsch hatten sich offensichtlich dieser Auswanderungsbewegung angeschlossen. Mit dem wenigen Geld, das der Familie nach Abgabe der Naturalsteuern noch übrig blieb, versuchten sie, nach Kanada auszureisen. Die Flucht meiner Großeltern über Moskau nach Kanada scheiterte aus noch ungeklärten Gründen. Dem Schwager meines Großvaters Heinrich J. Janzen Sen. (23.11.1874 – 9.11.1945) gelang 1925 die Flucht (samt seiner Familie) und sie ließen sich in Kitchener, Provinz Ontario von Kanada nieder. Seine Mutter Gertrud Rabsch (geb. 17. März 1878) war die Schwester von Johann Rabsch[70].

Der Kontakt zu den Verwandten in Kanada konnte nie aus der Sowjetunion hergestellt werden. Mutters Cousin Dr. Heinrich H. Janzen war Pastor  in Kanada von 1932 bis 1964 und anschließend wurde er zu einem der renommierten christlichen Radiopredigers Europas der sechziger und Siebzigerjahre des 20. Jahrhunderts. Außerdem unterrichtete er den „Römerbrief“ und „Das Buch der Offenbarung“ am St. Chrischona Theologischen Seminar, an der Mennonitischen Bibelschule Bienenberg und in den Anfängen auch an der Freien Evangelisch-Theologischen Akademie Basel. Seine Lehrertätigkeit geschah, manchmal auch parallel zum pastoralen Dienst, in den Jahren 1950-51, 1957-62, 1965-66, 1969-71 und 1974. In dem Jahr 1974 schrieb er mir nach Unna Massen, wir befanden uns noch seit 23. Juni im Flüchtlingsheim, dass er sich in Kanada einer Prostataoperation unterziehen müsse und erst dann könne er uns in Deutschland besuchen. Er kam nie: er starb zu Hause in Kitchener, Provinz Ontario am 4. März 1975 am Herzversagen, wie mir mitgeteilt wurde. Er hinterließ sieben Kinder: Rudolph, Erna, Walter, Lena, Elsa, Edward und Arthur.[71]

Mutter schreibt wörtlich: „Meine Eltern mussten sich 1924 nach der misslungenen Ausreise nach Kanada im Gebiet von Omsk niederlassen. Im Dorf Smoljanowka wohnten sie bei einem Bauer in dessen Hirtenhäuschen mit zwei kleinen Mädchen. Die Eltern starben eines langsamen, qualvollen Hungertodes. Die zwei Mädchen überlebten. Der Hunger machte sie erfinderisch: sie bettelten bei Bauern, manuelle Arbeiten tun zu dürfen, damit sie dafür etwas zum Essen bekämen.“ Die „Mädchen“ waren Mutters jüngere Schwestern Gertrud und Elisabeth. Wieso mussten ihre Eltern in das Gebiet von Omsk? Sie hatten doch auch dort keine Aussicht auf einen Neuanfang!?

Die Naturalsteuern haben das Leben dieser Familie in der Halbstadt verunmöglicht; die Familie war wirtschaftlich ruiniert. Es sah gar nicht gut für sie aus. Meine Mutter erzählte: „Es war schlimm für uns als nachts Tscheka (Außerordentliche Allrussische Kommission zur Bekämpfung von Konterrevolution, Spekulation und Sabotage) unser Haus betraten. Es war später Herbst. Wir, unsere Mutter und die damals noch fünf Schwestern, wurden alle aus den Betten geholt und mit dem Gesicht zur Wand gestellt. Unser Vater musste die Beamten zum Schuppen bringen, wo Gemüse, Getreide und Obst aufbewahrt wurden. Die Beamten der Tscheka luden alles Essbare auf die Wagen mit Pferdegespann. Dann kamen sie ins Haus. Einer der Polizisten bewachte uns. Sie fragten, ob Vater noch andere versteckte Agrarproduckte im Haus gehabt hätte. Es gab tatsächlich nichts mehr im Haus außer Kleinigkeiten. Dann schoss einer von der Tscheka mit dem Gewehr über unsere Köpfe. Wir fielen alle in Ohnmacht. Als wir zu uns kamen, waren sie weg. Sie nahmen gebackenes Brot, gebackenen Kuchen und das geräucherte Fleisch mit. Sie nahmen uns alles weg. Proviant und Geld waren nicht mehr vorhanden; Vater verschwieg uns, dass er etwas Geld in einer Dose in unserem Garten vergraben hatte.“[72]

Nach dem gescheiterten Versuch mit dem im Garten versteckten Geld, ins Ausland zu flüchten, kamen sie noch in diesem Jahr in des Gebiet Omsk und bewohnten, wie oben erwähnt, das Hirtenhäuschen eines ihnen bekannten Bauers in Smoljanowka. Es war nichts anderes als ein Fachwerkhaus, das als Unterkunft für die Schäfer gedacht war. Der Großvater half am Hofe des Bauers aus und bekam dafür Kartoffel und etwas Gemüse, aber im Winter konnte der Bauer selbst mit seiner Familie kaum um die Runden kommen. Johann Rabsch kam wirtschaftlich nie wieder auf die Beine.[73]

Dr. Helmut Angar bereiste die deutschen Dörfer im Gebiet Omsk vor 1930. Er erwähnt das Dorf Smoljanowka (646153 Omskaja Oblast, Ljubinskij Rajon, Smoljanowka Dorf), aber nur im Anhang seines Buches[74].  Das Dorf gehörte und gehört zum Ljubunskij Rayon und hatte 1926 Hundert fünf-und-sechzig Einwohner. Deshalb ist es uns auch nicht bekannt, wievielte Deutsche in diesem Dorf wohnten. Es gab tatsächlich viele deutsche Dörfer im Gebiet Omsk. Nebst Mennoniten, die Plattdeutsch sprachen, wohnten in den Dörfer und Siedlungen Lutheraner und Katholiken. Mehrere Dörfer trugen auch deutsche Namen wie zum Beispiel Rosenort, Friedensruh, Solnzewka-Tiegerweide[75], Friedenstal (Mirnodolino) mit 403 Einwohner (1926), Jost (Popowka), Schilling (Sosnowka) mit 972 Einwohner (1926)[76], Friedenstal (Mirnaja Dolina), Warenburg (Priwalno lag 2 km von Asow entfernt, hatte im Jahre 1962 etwa 672 Einwohner), Trubezkoje  488 Einwohner (damals Sosnowskij Rayon), Krasnojarka 548 Einwohner im Dezember 1926, die deutschen Kolonien Pobotschnoje mit 1282 Einwohner[77], Prischib (Romanowka mit 320 Einwohner) und Silberfeld (Serebropolje) mit 166 Einwohner, das katholische Grünfeld (Selenopolje) zählte 392 Einwohner, Nowinka 573 Einwohner[78]. Sie gehörten zum Odessaer Rayon[79],  Alexandrowka 1676 Einwohner. Die Mennonitensiedlung Iwanowka war mir auch sehr gut bekannt[80]. Während meines Aufenthalts in Omsk bis anfang 1962 besuchten wie als Jugendlicher, noch als Teenager unter zwanzig, dieses Dorf, so auch  Mirolubowka und Issilkul, in den das christliche Leben intensiv pulsierte.[81]

In einem anderen Bericht, den Mutter mir auf einer Tonbandkassette geliefert hat, sagt sie: „Ich arbeitete in Omsk bei einer tschechischen Familie als Haushälterin. Meine Aufgaben waren, Einkäufe zu tätigen, Mittagessen vorzubereiten, das Haus sauber zu halten und die ganze Wäsche von Hand zu waschen. Die tschechische Witwe hatte zwei erwachsene Töchter, die an der Hochschule als Dozentinnen tätig waren, und einen Sohn, der Professor war. Einmal im Moment schickte mich die alte tschechische Frau, Einkäufe für meine Eltern zu machen: „Kaufe so viel ein, dass du für diene Eltern genug Nahrungsmitteln hast.“ Ich kaufte eine Menge Nahrungsmitteln, setzte mich in den Bus und fuhr zu meinen Eltern. Unser Vater wartete bereits auf mich und wir gingen fröhlich in ihr Hirtenhäuschen. Der Vater hatte immer noch traurige Augen, sein seelischer Schmerz schien endlos zu werden, er hatte große  Schuldgefühle. Seinen einzigen Sohn hat er immerhin versehentlich erschossen. Die Schwermut wich nicht von ihm. Sie begleitete ihn bis zum Tod. Unsere Mutter nahm meine jüngste Schwester Elisabeth zu sich. Sie arbeitete in einem Nachbardorf.“

Dass mein Großvater mit seinem Wissen über die prozedurale Vorgänge in der Landwirtschaft nicht mehr neu anfangen konnte, bleibt im Dunkel. Denn 1924 war die Blütezeit der Neuen Ökonomische Politik (NÖP), die Lenin und Trotzki 1921 gegen erheblichen Widerstand in der eigenen Partei durchsetzten[82]. Auf der Webseite Wissen.de lesen wir: Ihr Hauptmerkmal war eine Dezentralisierung und Liberalisierung in der Landwirtschaft, im Handel und in der Industrie, die der Wirtschaft teilweise auch marktwirtschaftliche Methoden zugestand. Sie war ein Programm zur Konsolidierung der sowjetischen Wirtschaft, die durch die nach der Oktoberrevolution radikal vollzogene Sozialisierung schwer erschüttert war. Die NÖP sah eine Mischung von privater und sozialistischer Wirtschaftsform vor. In der Klein- und Mittelindustrie wurden wieder private Initiativen geduldet, ebenso in der Landwirtschaft. Außerdem wurde ausländisches Kapital ins Land geholt. Aufgrund dieser Maßnahmen gelang es bis 1927, die industrielle Produktion auf den Vorkriegsstand zu bringen. Mit der von Stalin 1928 vollzogenen Linksschwenkung (Fünfjahresplan, Kollektivierung der Landwirtschaft) wurde die NÖP aufgegeben.[83]

Was zwang meine Großeltern, bei NÖP nicht mitzumachen? Ansätze waren gegeben. Wir werden das wohl nie erfahren.

Der erste ethische Schock meiner Mutter

Mennonitische Kinder bekamen eine strenge Erziehung, obwohl meine Großeltern liberale Mennoniten waren. Für die Mennoniten ist der Glaube der Schlüssel zum Frieden und einem guten Miteinander. Die Regeln schreibt die Bibel vor. Respekt vor anderen haben, nicht gewalttätig gegen den Nächsten werden, nicht lügen, anderen zuzuhören, nett zu anderen zu sein und vor allem, sich für Gäste Mühe zu machen und so weiter.

Die Kinder mussten nebst der Schule im Haushalt aushelfen und dem Vater in seiner Feldarbeit nach Kräften beistehen. Die Bibel wurde morgens, mittags und abends gelesen. Mutter sagte, dass dies einfach eine Tradition war, man bekam keine Erklärung für oder über die gelesenen Texte, aber wir sollten als bibelkundige Kinder heranwachsen. „Die zehn Gebote mussten wir auswendig lernen“, erzählte sie und fügte hinzu: „Vater meinte jeweils: man muss das Wort der Bibel auf Kinder einwirken lassen, ohne über die biblische Texte zu diskutieren. Vater gab Unterricht auch anderen mennonitischen Kindern, die bei ihm Lesen, Schreiben und Rechnen lernten. Er tat es mit Hingabe und Begeisterung. So konnte er uns faszinieren, uns das Wissen anzueignen.“

Ihr Vater soll die Kinder nie zu etwas gezwungen haben. Sie sollen alles aus freien Stücken getan haben. Man lebte nach bestimmten Bräuchen und Sitten, welche die mennonitische Identität dokumentieren sollte. „Unser Vater sagte jeweils: Gewaltlosigkeit muss auch mit Kindern gelebt werden. Wenn ermahnende Worte nicht helfen, dann werden auch Schläge bzw. Kinderzüchtigung keine positiven Folgen haben. „Um Mennonit sein zu dürfen, muss das Glaubensbekenntnis den Kindern beigebracht werden“, erzählte unsere Mutter[84].

Zu Hause wurde nur Plattdeutsch gesprochen, und mit Neunzehn verstand Mutter so viel wie kein Russisch. Russisch lernte sie in den Familien, wo sie als Haushälterin tätig war. Die russische Sprache beherrschte sie nie perfekt.

In Omsk 1924 angekommen arbeiteten Mutter und ihre Schwester Helene nicht nur im Haushalt der tschechischen Familie, wie oben bereits erwähnt. Diese Familie verließ Omsk Ende der Zwanzigerjahre und zog in ihre Heimatstadt Prag[85], woher sie stammte. Der Abschied fiel Mutter und Helene schwer, aber das Leben machte keinen Halt. Es ging weiter. Helene fand recht schnell eine andere Arbeit, aber mir ist nicht bekannt wo.

Mutter fand bei einem  jungen russischen Ehepaar Arbeit als Haushälterin, das keine Kinder hatte. Der Hausherr war vermögend und zur Zeit der Neuen Ökonomischen Politik ein Fabrikant. Seine Frau langweilte sich zu Hause und beschäftigte sich ausschließlich mit ihrem großen Hund. Sie führte ihn ins Freie, flanierte mit ihm herum und schlief mit ihm auch im Bett, wenn ihr Mann gerade für mehrere Tage geschäftlich unterwegs war.

Eines Tages sah Mutter, wie die Hausherrin nackt aus der Saune, einer Schwitzstube, kam. Mutter fühlte sich wie vor den Kopf gestoßen. Sie war zwar bereits über zwanzig, aber die Nacktheit ihrer Herrin war für sie ziemlich befremdend. Die attraktive Frau stolzierte nackt durch das Haus, ohne Rücksicht auf die Gefühle unserer damals noch jungen Mutter zu nehmen. Mutter konnte es nicht verstehen, dass ihre Hausherrin ihren nackten Körper zur Schau stellte. „Bildschön war sie allemal“, sagte Mutter.

Die Saune der Hausherren war in den Kellerräumen. Die Frau nahm den Hund, der derzeit gemütlich am Kamin auf einer Matte lag, befahl der Mutter, ihr ein großes Handtuch nach unten zu bringen, und verschwand mit dem Kötter in den Kellerräumen. Neben der Saune stand eine Liege und die Hausherrin legte sich drauf und der Hund mit ihr.

Mutter öffnete eine der Schubladen der Kommode, in der die Handtücher waren, nahm eines raus und ging nach unten zur Schwitzstube. Als sie unten ankam, glaubte sie ihren Augen nicht: die Hausherrin lag auf der Liege verkuppelt mit dem Hund. Sie hatte Geschlechtsverkehr mit dem Köter. Mutter schien, der Köter war bereits außer Atem. Die Hausherrin schrie keuchend und voller Erregung Mutter zu: „Werfe auf uns das Handtuch und mach, dass du rauskommst!“ Mutter folgte dem Befehl und lief die Treppen nach oben, warf sich in ihrem Zimmer auf das Bett, vergrub ihr Gesicht in ihre Hände und weinte.

Sie war geschockt.

Mutter konnte mit ihren Gefühlen nicht zurechtkommen. Sie empfand Ekel und Abscheu zur sodomitischen Handlung der jungen russischen Frau und verkündete ihr beim Abendessen: „Ich kündige!“ „Wieso denn? Hast Du nie Geschlechtsverkehr mit Hunden erlebt? Bist du noch Jungfrau?“ Mutter stand auf und verließ weinend das Esszimmer.

Die Hausherrin aß ruhig ihr Abendbrot zu Ende und kam dann in Mutters Zimmer und sagte: „Du gehst nirgendswo hin! Hast du es verstanden!? Du bleibst und schweigst! Du erhältst dafür ein doppeltes Gehalt. Wenn du aber gehst, bekommst du in der ganzen Stadt keine Arbeit. Dafür werde ich sorgen. Solltest du meinem Mann von meinem Sex mit dem Hund erzählen, bist du für immer erledigt.“ Mutter blieb, und Mutter schwieg.

Es widerte sie an, wie die Frau ihren Hund wie einen Liebhaber behandelte, aber sie glaubte, keine andere Wahl zu haben.

Unsere Mutter sah im animalischen Sexualverkehr einen Verstoß gegen jeden sittlichen Anstand. Doch gerade in den russischen aristokratischen Kreisen waren Sodomie und Zoophilie damals keine Seltenheit[86]. Anfangs des 20. Jahrhunderts griff wohl als erster Siegmund Freud das Thema auf, aber er sah sie als abartig bzw. pervers.[87] Heutzutage gibt es Forscher, die in der Sodomie einen Ausdruck der Liebe und echter menschlichen Zuneigung zum Tier „erkennen“. Sie meinen erkannt zu haben, dass Geschlechtsverkehr mit einem Tier für die Tiere vorteilhaft und gesund sei. Die habilitierte Psychologin Andrea Beetz schreibt: «Haustiere wie Hunde und Katzen, aber auch Pferde haben oft in ihrem ganzen Leben überhaupt keinen Sex.» Beim Sexualkontakt mit einem Tier könnten die sexuellen Bedürfnisse der Tiere kompensiert werden, führt die Wissenschaftlerin aus[88].

Unsere Mutter war zwar eine belesene junge Frau, aber sie hatte keinen Zugang zu den sexualwissenschaftlichen Studien. In der noch jungen Sowjetunion sprach man über Sex überhaupt nicht, aber man praktizierte ihn in allen Zügen und Formen. Mutter kannte aus der Bibel, dass diese Art von Sexualität nicht gutgeheißen wird. „Du sollst auch bei keinem Tier liegen, dass du mit ihm verunreinigt werdest. Und kein Weib soll mit einem Tier zu schaffen haben; denn es ist ein Gräuel.“ (3.Mose.18,23) Was sie nun erlebte, rief bei ihr Unbehagen hervor. Sie würde gern abhauen, aber der Hunger ihrer Eltern und Schwestern verpflichtete sie zu bleiben. Jedoch sehr bald wurde dieses Problem auf brutaler Art und Weise vom Ehemann gelöst.

Eines Tages kam der Hausherr früher als gedacht nach Hause und fragte unsere Mutter: „Wo ist meine Frau?“ Mutter sagte errötet: „Unten. Im Saunaraum“. Entweder hat der Hausherr von irgendjemand einen Hinweis über das Treiben seiner Frau bekommen oder er ahnte es bereits, dass etwas zwischen ihr und ihrem Hund nicht stimmen müsste. Er ging zur Kommode, öffnete die obere Schublade, nahm die Pistole raus und ging nach unten. Mutter war beunruhigt und wollte ihm folgen, um Schlimmes vorzubeugen. Aber plötzlich hörte sie zwei Schüsse und verkroch sich in ihrem Zimmer. Der Hausherr verließ das Haus und kam nach paar Stunden mit der Polizei wieder zurück. Die Polizisten holten die Leichen ab, erstellten ein Protokoll, stellten der Mutter jedoch keine lästigen Fragen. Derzeit stand sie im Korridor und beobachtete furchterregend das Szenario.

Die Polizei war weg. Mutter erdrückte die plötzliche Stille. Es war ihr unheimlich. Sie wollte zurück in ihr Zimmer, aber dann hörte sie die Stimme des Hausherrn: „Katja, räume, bitte, das Untergeschoss und die Kellerräume auf“. Sie machte sich an die Arbeit. Auf der Liege und Fußboden waren Lachen von Blut. Mutter arbeitete bis spät in die Nacht hinein. Als sie mit dem Aufräumen fertig war, ging sie in ihr Zimmer, warf sie aufs Bett und schlief sofort ein. Es war ihr nun klar, in diesem Haus konnte und wollte sie nicht mehr bleiben.

Am nächsten Tag sagte der Hausherr beim Frühstückessen: „Ich glaube, du bist ein anständiges Mädchen und möchtest in meinem Haus nicht bleiben?“ Mutter nickte. Er sagte: „Gut. Das habe ich erwartet. Hier im Umschlag ist dein Jahresgehalt. Nimm das Geld und suche dir eine neue Anstellung. Versuche das ganze Geschehen, möglichst zu vergessen.“

Mutter erzählte meiner Schwester: „Dieser ethische Schock begleitete mich mein ganzes Leben. Ich war verwirrt und sprachlos. Ich habe nie mit meinen Schwestern darüber sprechen können. Vielleicht war das der Grund, dass ich erst mit 29 geheiratet habe. Ich weiß es nicht mehr genau. Der Hund, der Köter stand stets vor meinen Augen, wenn ich mich mit einem jungen Mann verabredete. Ich war mir bewusst, Männer sind keine Köter, aber, ach, ich weiß nicht.“ Sie hatte ein seelisches Trauma und erholte sich nur sehr, sehr langsam.

Meine mennonitische Mutter heiratet einen Baptisten.

Mutter, nämlich Katharina Rabsch, war noch keine 19, als ihre Eltern mit den Kindern nach Omsk ankamen. Sie und ihre Schwester Helene blieben in der Stadt. Sie beherrschten die russische Sprache noch nicht. Unsere Mutter machte sich besonders schwer mit der russischen Grammatik. Sie lernte zwar in der deutschen Schule auch etwas Russisch, aber sie konnte zwischen maskulin und feminin nicht unterscheiden.

Mutter und ihre Schwester Helene suchten in Omsk Möglichkeiten, als Dienstmädchen bei gut situierten Familien Arbeit zu finden.

Nirgends geht hervor, dass Mutter Kontakte zu einer mennonitischen Gemeinde suchte. Sie scheint, mit den mennonitischen Christen keine echte Verbindung gehabt zu haben. Diese Tatsache verwundert mich sehr. Meine Schwester sagte mir jedoch, dass Mutter ihr gesagt hätte, sie war in Omsk Mitglied einer Mennoniten Gemeinde. Es stellt sich nur die Frage, in welcher? Die Mennoniten Brüdergemeinde hätte sie als Mitglied nicht aufgenommen. Mutter schreibt, sie habe sich zu Christus noch als Teenager bekehrt, aber In den kirchlichen Mennoniten Gemeinden gab es die Taufe durch Besprengen. Diese Taufhandlung wurde jedoch von anderen Täufer-Gemeinden nicht unbedingt honoriert. Die Baptisten, zum Beispiel, hatten große Mühe, sie mit Untertauchen gleichzusetzen[89]. Jedenfalls, es ist bekannt, dass Mutter die Gottesdienste der hiesigen Baptisten besuchte, obwohl die Gottesdienste in Russisch zelebriert wurden.

In der jüdischen Ärztefamilie, bei der Mutter auch als Haushälterin tätig war, wurde Russisch gesprochen. Man achtete genau darauf, dass Mutter sich auch korrekt in Russisch artikuliert. Jedoch sie war wohl immer auf dem Kriegsfuß mit dieser Sprache und erlernte sie nie vollkommen. Wir, Kinder, machten uns lustig über ihre russische Aussprache. Beim Sprechen verwechselte sie laufend feminin mit maskulin, aber ihr Plattdeutsch war exzellent. Ihre Schwestern und sie sprachen miteinander nur Plattdeutsch. Sie brachte jedoch ihren Kindern diesen Dialekt nie bei, sondern sie sprach mit uns nur Schriftdeutsch.

Mutter und ihre Schwester Helene haben ihre zukünftigen Männer in Omsk kennengelernt und zwar in der Baptistengemeinde. Wie die Vorsehung es wollte, verliebte sich Mutters Schwester Gertrud in Gustav Hartfeld und sie heirateten. Nun war Gustav sehr darauf bedacht, meine Mutter mit seinem Bruder Hermann zu verkuppeln. Warum er es getan hat, bleibt ein Rätsel. Mutter war fünf Jahre älter als unser Vater. Jedenfalls soll es unter ihnen gefunkt haben und sie kamen sich näher.

Meine Mutter schreibt: „Wir haben uns sofort verliebt. Er kam aus Wolynien mit seinen Eltern. Wir heirateten standesamtlich am 11. Februar 1934 und wurden am 17. Februar in der russischen Baptistenkirche von Omsk getraut.“ Mutter hat sich mit dem Jahrgang der standesamtlichen Hochzeit geirrt. Nach der Heiratsurkunde Nr. 183 wurden Vater und Mutter offiziell am 11. Februar 1935 ein Paar, also ein Jahr später.

In Mutters Notizen lese ich: „meine Schwester Helene wurde Heinrich Reimer vorgestellt. Helene zeigte wenig Interesse für ihn.“ Heinrich Reimer war ein Ordnungsfreak, ein Pedant, das heißt, ein Kleinigkeits-bzw. Umstandskrämer. Ich musste mich als Kind sehr daran gewöhnen, und Tante Helene wohl noch mehr als ich. Mutter schreibt: „Heinrich kämpfte und warb um Helene, bis er sie endlich zum Traualtar führen konnte. So entstanden die Familien von Hermann Hartfeld Senior, Gertrud und Gustav Hartfeld, und Helene und Heinrich Reimer. Zwei Brüder Hartfeld heirateten zwei Schwestern Rabsch.“

Unsere Mutter besuchte die Baptistenkirche, wie bereits erwähnt, sie war aber nie deren Mitglied. Die Baptistenkirche befand sich in der Nähe von Om, dem Nebenfluss von Irtysch, in der Puschkina Str. 7 (heute Swesdowa 1). Diese Kirche (oder Bethaus genannt) wurde erbaut für 1500 Besucher und 1907 in Betrieb genommen. Bereits am 4. April 1916 haben die Behörden des Zaren sie beschlagnahmt mit der Begründung, dass in dieser Kirche Bücher aus Deutschland verkauft wurden. Es herrschte der erste Weltkrieg und schon damals, waren die Russen nicht gut auf Deutsche zu sprechen. Nach der Oktoberrevolution 1917 hat man die Baptistenkirche der Gemeinde zurückgegeben. Etwa im Frühjahr 1917 erbauten die Baptisten von Omsk ein Waisenhaus für 37 (siebenunddreißig) Kinder. Die Kinder wurden von fünf bis sieben Mitarbeiter betreut. In dieses Haus kamen Waisen aus ganz Sibirien, aber 1920 hat die Sowjetmacht das Waisenhaus beschlagnahmt und in ein sowjetisches Waisenhaus umgewandelt.[90] In den Wirren des Bürgerkrieges kam Alexander Koltschak 1918 an die Regierung in Omsk und ließ die Baptistenkirche im Februar 1919 in ein Hauptquartier einer militärischen Einheit verwandeln. Vier Monate später wurde die Kirche den Baptisten zurückgegeben und die Ortsbehörden entschuldigten sich für ihr Vorgehen.[91] 1935 haben die Kommunisten die Kirche geschlossen und sie der Milizbehörde übergeben, die sie für die Unterbringung ihrer Pferde verwendete. Erst 1989 bekamen die Baptisten sie wieder zurück.[92]

Mutter schreibt: „Nach der Trauung haben wir in Omsk bis 1940 gewohnt. Der erste Sohn Heinrich kam am 8. Januar 1936 zur Welt und verstarb am 4. Februar 1936. Der zweite Sohn Hermann wurde am 15. März 1937 geboren und verstarb am 22. September 1937. Die Tochter Sina erblickte die Welt am 13. Juli 1938. Bald nach dieser Geburt zogen wir in die Hauptstadt Kirgisiens Frunse (Bischkek). Wir wohnten dort zweieinhalb Jahre und kamen nach Sibirien zurück. Wir zogen in eine Sowchose, Landwirtschaftsbetriebsabteilung von Kreis Asow. Im März 1942 musste mein Mann in die Arbeitsarmee, (einer militarisierten Form der Zwangsarbeit in der Sowjetunion[93]). Er kam nach Workuta, nördlich des Polarkreises[94]. Ich blieb schwanger zurück. Am 14. November 1942 wurde uns der dritte Sohn geboren. Ich nannte ihn Hermann. Er hat seinen Vater nie zu Gesicht bekommen.“

Mutter schreibt weiter: „Mein Mann war magenkrank. Die schwere Arbeit in den Kohlenminen untertage, die schlechte Luft und das schlechte Essen haben ihn umgebracht. Ich bekam von ihm nur zwei Briefe und nachher war es stille um ihn. Man teilte mir mit, er sei verschollen. Nach Zeugenberichten kam er in ein Lazarett und verstarb am Magendurchbruch. Seine Leiche mit vielen anderen schichtete man zu Haufen und niemand konnte ihn in dieser eingefrorenen Masse wieder erkennen.“[95]

Mutter sagt auf der Kassette: „David Lutzew aus dem Dorf Rußlanowka kam gleich nach Ende des 2. Weltkrieges aus der Arbeitsarmee nach Hause. Er teilte mir mit, dass er zusammen mit meinem Mann im Krankenhaus war. Er soll drei Tage sich vor Schmerzen gekrümmt und gestöhnt haben. Er schlief letztlich dennoch friedlich ein und wachte nicht mehr auf. Zwei Jahre später 1947 kam auch der Bruder meines Mannes Gustav Hartfeld aus Workuta. Er sagte, er hätte in dem Leichenhaufen meinen Mann stundenlang gesucht, fand ihn aber nicht. Mein Schmerz war fast unerträglich. Bis Ende des Krieges arbeitete ich auf der Anlage zum Dreschen und der Reinigung von Getreide. Es gab für uns Deutsche keine Privilegien: Wir mussten im Herbst tagsüber das Getreide von Hand reinigen und nachts luden wir das Getreide auf die LKW, die es in die Stadt Omsk zur Getreidemühle brachten. Wir schliefen durchschnittlich drei Stunden am Tag. Wir trugen Gummistiefel und füllten sie obendrein mit Getreide, sodass wir kaum noch gehen konnten. Zuhause zogen wir die Stiefel aus und das Getreide wurde geröstet oder mit der kleinen Mühle zur Grütze zermahlt. Nur so konnte ich meine Kinder und mich selbst vor dem sicheren Hungertod retten.“

Mutter spricht von der Angst, die ihr ständiger Begleiter war, verhaftet zu werden und wegen dem Getreide in ihren Stiefeln, ins Gefängnis zu kommen. Ja, so war die mennonitische Mutter!


[1] Duden – Deutsches Universalwörterbuch: Das umfassende Bedeutungswörterbuch der deutschen Gegenwartssprache. Bibliographisches Institut GmbH, 08.02.2016 – 2132 Seiten. Hier S. 1197.

[2] Vgl. Ulrich E. Hasler, Eubiotik, Heidelberg: Haug 1967, S. 103. Alexander Granach, Da geht ein Mensch: Leck: btb Verlag 2007, S. 7.

[3] Vgl. Die Theodizeefrage im Religionsunterricht der Primarstufe. Workshop Religionspädagogik 5. LIT Verlag 2007, S. 33.

[4] Christian Hoffmann. Die Konstruktion der Ich-Welt Untersuchtung zum Strukturzusammenhang von persönlicher Identität und autobiographischem Schreiben Epistemata Literaturwissenschaft. Würzburg: Königshausen & Neumann 2000, S. 73.

[5] Vgl. Jakob Hans Josef Schneider (Hrsg.)  Ethik – Orientierungswissen? Würzburg: Königshausen&Neumann 2000. S. 183. Andreas Knapp, Melanie Wolfers: Glaube der nach Freiheit schmeckt. Eine Einladung an Zweifler und Skeptiker. Pattloch Verlag, 2009, 336 Seiten.

[6] Vgl. Marlen Haushofer. Die Wand. Gütersloh: Siegbert Mohn Verlag 1963.

[7] Vgl. Johann Lassenius. Heilige Moralien über die Evangelien und Episteln. Verlegt durch Johann Jakob Förster. 17ss. S. 1084.

[8] Vgl. Christoph Classen: Opa und Oma im Krieg: Zur Dramatisierung des Zweiten Weltkriegs im Fernsehmehrteiler „Unsere Mütter, unsere Väter“. In: Mittelweg 36, 1/2014, S. 52-74.

[9] Vgl. Diana Laarz. Halbstadt- eine deutsche Insel in Russland. In: Russia beyond the Headlines. 12. Juli 2012, Webseite http://de.rbth.com/articles/2012/07/13/halbstadt_-_eine_deutsche_insel_in_russland_14614. Besucht am 30. September 2016.

[10] Global Anabaptist Mennonite Encyclopedia Online. „Pavlodar Mennonite Church (Pavlodar MennoniteSettlement, Kazakhstan.“ Ich nehme an, dass Johann F. Kroeker als Reiseprediger in der Mennonitengemeinde von Halbstadt gewesen ist. Denn 1929 versuchte er mit Familie, den Fluss Amur zu überqueren und über Harbin der Hauptstadt der Mandschurei, China in den Westen zu flüchten. Es gelang ihm nicht. Er wurde gefasst und samt Familie nach Sibirien verschleppt. Er umging die Verhaftung nicht und verstarb im Gefängnis kurz nach 1932. Seine Frau Susanne und die Tochter verhungerten in Sibirien und wurden 1941 beerdigt. Vgl. Ebenda: „Kroeker, Johann F. (1871–ca. 1932).“ Siehe auch: Krahn, Cornelius and Conrad Stoesz. (2002). Kroeker, Johann F. (1871–ca. 1932). 

Global Anabaptist Mennonite Encyclopedia Online. Retrieved 27 July 2015.

http://gameo.org/index.php?title=Kroeker,_Johann_F._(1871%E2%80%93ca._1932)&oldid=95673. Die Webseite besucht 29. September 2016.

[11] Zitat aus: „Geschichte der Mennoniten auf der Krim.“ In: Täufergeschichte. Ebenso: „Die mennonitischen Siedlungen der Krim.“ In: Samenkorn v.V.: Geschichte und Gegenwart. 108. Artikel-Nr.: 548027.

[12] http://www.taeufergeschichte.net/index.php?id=geschichte_der_mennoniten_auf_der_krim besucht am 21.08. 2015.

[13] Jens-Robert Schulz. Der Deutsche National Kreis. http://www.cafe-deutsch.de/landeskunde/Nationalkreis-Halbstadt/Halbstadt.html. Letzter Besuch 25.08.2015.

[14] Täufergeschichte.net 2009+2010.  Geschichte der Mennoniten auf der Krim.

[15] Vgl. Norbert Angermann: Studien zur Livlandpolitik Ivan Groznyjs (= Marburger Ostforschungen. Bd. 32). Herder-Institut, Marburg (Lahn) 1972, ISBN 3-87969-098-7 (Zugleich: Hamburg, Universität, Dissertation, 1972).

[16] Russlandinfo.de Homepage: http://www.russlandinfo.de/informationen/gewusst.html. Stand: 22.02.2017.

[17] Wikipedia „Nemezkaja Sloboda. https://de.wikipedia.org/wiki/Nemezkaja_sloboda. Stand: 30.01.2017.

[18] Wikipedia. Alexander Danilowitsch Menschikow. https://de.wikipedia.org/wiki/Alexander_Danilowitsch_Menschikow. Stand: 17.02.2017.

[19] Deutsche in Russland. Deutsche Siedlung im Osten oder Russland wendet sich nach Westen. Teil I und II. http://www.migrazioni.altervista.org/deu/3deutsche_in_russland/deutsche_vorstadt/1.1_nemeckaja_sloboda_1600.html. Stand: 30.01.2017.

[20] Dr. Victor Dönninghaus. Damals. Das Magazin für Geschichte. Webseite: http://www.damals.de/de/16/Hexenjagd-in-Moskau.html?issue=125027&aid=125013&cp=1&action=showDetails. Stand: 04.01.2017.

[21] Schwarzmeerdeutsche. https://de.wikipedia.org/wiki/Schwarzmeerdeutsche#Auswanderung. Stand: 22.02.2017.

[22] Vgl. Stefanie Theis. Religiosität der Russlanddeutschen. Kohlhammer Verlag 2006, Seite 96.

[23] Vgl. Adina Reger & Delbert Plett. Die Russlandmennoniten. Steinbach, Kanada: Crossway Publications Inc., 2001. Seite 227ff.

[24] Vgl. K. Lindemann. Die Unterdrückung der deutschen Bürger Russlands durch die zarische Regierung. In:  Wolgadeutsche Monatshefte, August – Dezember 1923, Nr.15 – 24. Karl Lindenmann (1844-1929) war Professor der Entomologie an der Universität von Simferopol von 1921 bis 1927. Den Recht des Lebens verbrachte er in der mennonitischen Kolonie von Orlow.

[25] Vgl. Nick Brauns: „Freiheit ohne Land“. In: Die junge Welt, (die linke Tageszeitung) 26.2.2011, S. 15.

[26] Das „Angleichungsgesetz“. In: Geschichte der Russlanddeutschen Teil II 1820-1917. http://www.russlanddeutschegeschichte.de/geschichte/teil2/rahmen/angleichung.htm. Stand: 20.02.2017.

[27] Für die Landstände wurden im 19. und noch bis in die ersten Jahre des 20. Jahrhunderts Ständehäuser als eigene Bauten mit Versammlungssälen und Verwaltungsräumen errichtet. Vgl. E. Götzinger. Reallexicon der Deutschen Altertümer. Leipzig 1885., S. 943-944.

[28] Vgl. Zaur Gasimov (Hrsg.), Kampf um Wort und Schrift. Russifizierung in Osteuropa im 19.-20. Jahrhundert. Göttingen 2012. Titel, Inhaltsverzeichnis, Vorwort, Zaur Gasimov: Zum Phänomen der Russifizierung (PDF; 1,9 MB). Theodore R. Weeks: Nation and state in late Imperial Russia: nationalism and Russification on the western frontier, 1863–1914. DeKalb: Northern Illinois University Press 1996.

[29] http://ieg-ego.eu/de/threads/modelle-und-stereotypen/russifizierung-sowjetisierung. Website besucht am 9.10.2015. Erschienen: 2010-12-03.

[30] https://de.wikipedia.org/wiki/Plautdietsch. Stand: 20.02.2017.

[31] Vgl. Theodore R. Weeks: „Russifizierung/Sowjetisierung“, in: Europäische Geschichte Online. 12. März 2010. Edmund Dmitrow und Tobias Weger (Hg.) Deutschlands östliche Nachbarschaften. Eine Sammlung von historischen Essays für Hans Hennig Hahn. Frankfurt am Main: Internationaler Verlag der Wissenschaften 2009. (reprint) S. 239ff.

[32] Vgl. Otto Auhagen. In: Mennoniten Lexikon in Paraguay. http://www.menonitica.org/lexikon/?A:Auhagen%2C_Otto. Stand: 18.02.2017.

[33] Die Geschichte der Deutschen in Russland. Zeit-Online. 26.10.2007. http://kommentare.zeit.de/user/rowisch/beitrag/2007/10/26/die-geschichte-der-deutschen-russland. Stand: 30.01.2017.

            [34] Vgl. Jan Fleischhauer: S.P.O.N. – Der Schwarze Kanal: Ideologie vom überlegenen Volk. In: Spiegel Online. Politik. Donnerstag. 01.05.2015.

[35] Vgl. Victor Dönninghaus: Die Deutschen in der Moskauer Gesellschaft: Symbiose und Konflikte 1494-1941. Band 18. Oldenburg 2002. S. 422.

[36] http://wolgadeutsche.net/bibliothek/Lindemann_Die_Unterdrueckung.htm Professor Dr. K. Lindemann. Die Unterdrückung der deutschen Bürger Russlands durch die zarische Regierung. Angesehen am 30.10.2016.

[37] Vgl. Victor Dönninghaus: „‘Hexenjagd‘ in Moskau“, in: DAMALS: Das Magazin für Geschichte und Kultur, Konradin Medien GmbH, 2015. Heftarchiv, und Geschichte der Russlanddeutschen. Länderblätter: Deutsche Auswanderungen Russland, Teil II. Die Zeitschrift beschäftigt sich mit der Russifizierung bis ins Jahr 1917.

[38] Vgl. Raphael Lemkin: Soviet Genocide in the Ukraine Raphael Lemkin Papers: The New York Public Library, 1953. Raphael Lemkin Papers. The New York Public Library, Manuscripts and Archives Division, Astor, Lenox and Tilden Foundation, Raphael Lemkin ZL-273. Reel 3. Published in L.Y. Luciuk (ed), Holodomor: Reflections on the Great Famine of 1932–1933 in Soviet Ukraine (Kingston: The Kashtan Press, 2008).

[39] https://de.wikipedia.org/wiki/Transkulturation. Stand: 17.02.2017.

[40] Stefan WillerZaal AndronikashviliFranziska Thun-HohensteinGiorgi Maisuradze, Susanne Frank

Freundschaft: Konzepte und Praktiken in der Sowjetunion und im kulturellen Vergleich 
Texte des Gemeinsamen Workshops des ZfL und der Staatlichen Ilia-Universität Tbilissi, Tbilissi 10.–11. Oktober 2011, PDF-Datei. http://www.zfl-berlin.org/publikationen-detail/items/freundschaft-konzepte-und-praktiken-in-der-sowjetunion-und-im-ku.html. Stand: 30.01.2017.

[41] Der Homo Sowjeticus. Wikipedia. https://de.wikipedia.org/wiki/Homo_sovieticus. Stand: 30.01.2017.

[42] Wladimir Majakowski: Gedichte. http://www.planetlyrik.de/wladimir-majakowski-gedichte-2/2014/04/. Stand: 22.02.2017.

[43] http://de.wikimannia.org/Neue_Mensch. Stand: 22.02.2017.  Vgl. Alexander Sinowjew. Homo Sovieticus. Aus dem Russischen von G. von Halle. Zürich: Diogenes Verlag 1978.

[44] 27. Juni 1881: Juden-Pogrome in Russland. http://www1.wdr.de/stichtag/stichtag2190.html. Stand: 30.01.2017.

[45] Karen Andresen. Vom Wahn zum Mord. Spiegel-Online. http://www.spiegel.de/spiegel/spiegelgeschichte/d-83657783.html. Stand: 30.01.2017. Vgl. Brigitte van Kann. Das Leiden der Juden im zaristischen Russland. Deutschlandfunk. 04.04.2013. http://www.deutschlandfunk.de/das-leiden-der-juden-im-zaristischen-russland.700.de.html?dram:article_id=242530. Stand: 30.01.2017.

[46] Helmut Huebert. Molotschina Historical Atlas. Winnipeg: Spriengfield Publishers 2003.

[47] Ulrich Ammon. Die Stellung der deutschen Sprache in der Welt. Berlin-München-Boston: Walter de Gruiter 2015, S. 353.

[48] Vgl. http://gameo.org/index.php?title=Janzen,_Henry_H._(1901-1975) Besucht am 25.08.2015.

[49] Konstantin Ehrlich. Zwischen Hakenkreuz und Sowjetstern. Augsburg: Waldemar Weber Verlag. Vgl. Kapitel: Bolschewistische Rassenpolitik gegenüber den Russlanddeutschen. Konstantin Ehrlich. Lebendiges Erbe. Aufzeichnungen zur Siedlungsgeografie und Kulturgeschichte der Deutschen in Russland und in der Sowjetunion. Alma-Ata, 1988. S. 85.

[50] Vgl. Jörg Baberowski: Der Rote Terror. Die Geschichte des Stalinismus, Deutsche Verlagsanstalt München 2003, hier: Lizenzausgabe der Bundeszentrale für Politische Bildung, Bonn 2007, S. 39.

[51] V.I. Lenin. Aprilthesen. Moskau: Verlag für Fremdsprachige Literatur. Vgl. W.I. Lenin, Werke, Bd. S. 24 und Prawda, Nr.26, 7. (20.) April 1917.

[52] W. I. Lenin: Der „Linke Radikalismus“, die Kinderkrankheit im Kommunismus (1920). In ders.: Werke, Bd. 31. Berlin 1959, S. 8–9. 26.32.

[53] Auszüge zitiert nach: W. Lautemann, M. Schlenke (Hg.), Geschichte in Quellen, Weltkriege und Revolutionen 1914-1945, Band 5, München 1961, S. 71-72.

[54] „Prawda“ Nr. 26 von 1917. Vgl. W. Hedeler, H. Schützler, S. Striegnitz (Hrg.): Die Russische Revolution. Wegweiser oder Sackgasse, Berlin 1997, S. 238 – 241.

[55] Vgl. Scott B. Smith: Who shot Lenin? – in: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas/N. F. 46.1998 – S. 100–119. Fandom powered by Wiki. Community Deutschland. http://de.verschwoerungstheorien.wikia.com/wiki/Lenin. Stand: 12. 2017.

[56] Vgl. Liliana Riga: Reconciling nation and class in imperial borderlands: the making of Bolshevik internationalists Karl Radek and Feliks Dzierzynski in east central Europe. In: Journal of Historical Sociology, 19 (4), 2006, S. 447-472.

[57] Manfred Hildermeier: Geschichte der Sowjetunion 1917–1991. Entstehung und Niedergang des ersten sozialistischen Staates. Beck, München 1998, S. 389.

[58] Stefanie Deimel. Aufstieg und Fall des Kommunismus – Eine Einführung in den modernen Kommunismus. Studienarbeit. GRIN Verlag.

[59] Vgl. W.I. Lenin, Werke. Band 26 S. 1ff. Die Welt von 31.07.2008, Hannes Stein: „Völkermord durch Hunger“.

[60] Übrigens der „Kulakenaufstand“ bestand darin, dass die Bauern sich mit Mistgabeln dagegen wehrten, dass man sie auf Kolchosen zusammenzwingen wollte und sie die Arbeit verweigerten und ihr Getreide versteckten.

[61]Vgl. Susanne Schattenberg: „Der Sieg der Bolschewiki“. Informationen zur politischen Bildung, 322. 2/2014. PDF, S. 6ff. Vgl. auch: Jurij Borev Der Sozialistische Realismus: Ansicht eines Zeitgenossen und zeitgenössische Ansicht Moskau: Verlag АST. 2006. ISBN 978-5-17-052357-3. 478 S. Jörg Baberowski. Der rote Terror. Fischer Taschenbuchverlag. 2011. S. 34-53.

[62] Das Heutige Russland, 1917-1922: Wirtschaft und Kultur in der Darstellung Russischer Forscher. London: Forgotten Books 2013. (Original work published 1922), S. 129ff.

[63] Vgl. Das heutige Russland: Wirtschaft Und Kultur in Der Darstellung Russischer Forscher  1917-1922. Erste Ausgabe 1923. Reprint 12. September 2010, Verlag Nabu Press. S. 130.

[64] Ebenda.

[65] Vgl. zu diesem Thema: „Gesetz über die Naturalsteuern“, unterschrieben vom Vorsitzenden des Allrussischen Zentralexekutivkomitees: gez. M. Kalinin und dem Schriftführer des Allrussischen Zentralexekutivkomitees: gez. P. Salutzki. Moskau, Kreml, 21. März 1921. Sämtliche Werke von Wladimir I. Lenin in russischer Sprache, Band 36, Seiten 361-363 und Band 37, Seite 144.

[66] Jörg Baberowski: Stalinismus „von oben“. Kulakendeportation in der Sowjetunion 1929–1932. In: Jahrbücher für Geschichte Osteuropas, Bd. 46 (1998), S. 572–595.

[67] Vgl. Manfred Hildermeier, Die Sowjetunion 1917-1991, S. 38 f. und S. 595.

[68] „Die Flucht vor dem Zwang. Emigration der Mennoniten aus der UdSSR im Zeitraum 1923-1930“. In: Freundschaft. Alma-Ata. Nr. 102/103, Mai 1990.

[69] Johann Thießen.  Die Auswanderungsbewegung. http://www.arminius-bund.de/publikationen/geschichte/31-aktuelles/publikationen/geschichte/51-die-auswanderungsbewegung.html

[70] http://gameo.org/index.php?title=Janzen,_Henry_H._(1901-1975). Stand: 2. März 2017.

[71] Vgl. Michael Kotsch, „Der Bibelbund: Gestern und Heute“ in: Bibel und Gemeinde 112, Band 2 (2012), S. 6-34. Janzen, H. H., Mrs. K. Janzen, and E. Ratzlaff, compiled „Lebensgeschichte.“ Mennonitische Rundschau, vol. 99, no. 40, (6 October 1976) to vol. 100, no. 43 (23 November 1977), 53 segments.

[72] Vgl. Joachim Gauck: Potjomkinsche Dörfer. In: Der Spiegel. Nr. 22, 1998, S. 41-44 (25. Mai 1998).

[73] Vgl. das Buch von Helmut Angar, Die Deutschen in Sibirien: Reise durch die Dörfer Westsibiriens. Berlin: Osteuropa-Verlag, 1930.

[74] Ebenda, S . 95.

[75] Maria Rezlav. „Einiges über meine Vorfahren in Solnzewka-Tigerweide, Isilkul, Omsk“. In: Mennonitische Geschichte und Ahnenforschung. PDF

[76] Nach Dr. Helmut Anger. Die Deutschen in Sibirien. Berlin und Königsberg: Ost-Europa-Verlag 1930, S. 13ff. Anger schreibt, dass in diesen Dörfern die Ortsbewohner Lutheraner waren.

[77] Ebenda, S. 21.

[78] Ebenda, S. 27.

[79] Ebenda, S. 21.

[80] V. Diesendorf: Nemzy Rossii. Nasseljonnyje punkty i mesta posselenija: enziklopeditscheski slowar. ERN, Moskau 2006, ISBN 5-93227-002-0. (russisch). Vgl. http://www.iwanowka.de/indexseite/pages/dorfgeschichte.html.

[81] Paul Toews. “Centenary Anniversary of the Omsk Bruderschaft”. In: Mennonite Historian. Vol. XXXIII, Nr. 3. September 2007.

[82] vgl. Peter Jay: Das Streben nach Wohlstand. Die Wirtschaftsgeschichte des Menschen. Propyläen Verlag, Berlin 2000. S. 335.

[83] http://www.wissen.de/lexikon/neue-oekonomische-politik. Vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Neue_%C3%96konomische_Politik. Stand: 28. Juli 2016.

[84] Vgl. Freiherr von Reiswiß und Friedrich Wadzeck. Glaubensbekenntnis der Mennoniten und Nachrichten von ihren Kolonien, nebst Lebensbeschreibung Menno Simonis. Berlin: August Rücker, q1824. S. 235ff.

[85]  Hans Engberding, Bodo Thöns. Transsib Handbuch: Unterwegs mit der Transsibirischen Eisenbahn. Berlin: Trescher Verlag, 9. Überarbeitete und aktualisierte Ausgabe 2015. S. 57.

[86] Vgl. Richard von Krafft-Ebing. Psychopathia sexualis, mit besonderer Berücksichtigung der conträren Sexualempfindung. Eine klinischforensische Studie. Stuttgart: Ferdinand Enke, 1894. S. 56ff.

[87] Sigmund Freud, Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. In: A. Mitscherlich u. Mitarb.: (Hrsg.): Gesamtausgabe, Band 5. Fischer-Verlag, Frankfurt 1905.

[88] Andrea Beetz. (2006). Wissenschaftliche Grundlagen der Mensch-Tier-Beziehung: Von der Biophilie-Hypothese bis zur Bindungstheorie. Lernen konkret, 1 (25), 27-29. Vgl. A. Kronfeld in: M. Marcuse (Hrsg.): Handwörterbuch der Sexualwissenschaft. A. Marcus & E. Webers-Verlag, Bonn, 2. Aufl. 1926. Nachdruck im Walter de Gruyter-Verlag, Berlin 2001.

[89] Vgl. Charles Willams: The Principles and Practices of the Baptists – A Book for Inquirers. London 1880.

[90] Если у церкви отняли Дом Молитвы. Webseite: http://baptist.org.ru/news/main/view/esli-u-tserkvi-otnyali-dom-molitvy vom 07.10.2014.

Bettina Brand in Gerhard Hirschfeld, Gerd Krumeich, Irina Renz (Hrsg.) : Enzyklopädie Erster Weltkrieg, 2. Auflage, Paderborn, 2014, S. 620ff.

[92] http://www.omsktime.ru/projects/church/baptist.html. Besucht am 5. August 2015.

[93] https://de.wikipedia.org/wiki/Arbeitsarmee. Besucht am 5. August 2015.

[94] https://de.wikipedia.org/wiki/Workuta. Besucht am 5. August 2015.

[95] Die Arbeitsarmee war eine militarisierte Form der Zwangsarbeit in der Sowjetunion. Vgl. Erlass № 1281сс: Über die Mobilisierung der deutschen Männer im wehrfähigen Alter von 17 bis 50, die einen ständigen Aufenthaltsort in den Bezirken, Kreisen, Autonomen Republiken und Unionsrepubliken haben 14. Februar 1942 (russisch: “О мобилизации немцев-мужчин призывного возраста от 17 до 50 лет, постоянно проживающих в областях, краях, автономных и союзных республиках” от 14 февраля 1942 г)

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